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1. Grundbegriffe von Thelema

1. April 2020

1. Grundbegriffe von Thelema, in knappen Definitionen

Vor allem mithilfe von Zitaten Crowleys sollen zunächst einige Grundbegriffe umrissen werden. Danach kann in den nächsten Abschnitten der zu gehende ‚Weg‘ näher vorgestellt werden, wie er sich in die 10 Grade des A.‘. A.‘. gliedert.

1.1. Thelema, der ‚Wahre Wille‘

Das Wort ‚Thelema‘, im Sinne von ‚Wille, Ausrichtung‘, findet sich schon in der Bibel – etwa im Neuen Testament, wenn vom ‚Willen Gottes‘ (aber auch vom ‚Willen des Teufels‘) die Rede ist.

Es handelt sich dabei also weniger um ein flaches, allzu-menschliches ‚Belieben‘ oder ‚Wünschen‘, als vielmehr um eine aktive Kraft der Zielgerichtetheit, die intensiv (bzw. ggf. ‚unaufhaltbar‘) nach ihrer eigenen Verwirklichung strebt.

Prägnant und ‚berühmt-berüchtigt‘ ist das Motto ‚Tu was du willst, sei das ganze Gesetz.‘, oder im Original: ‚Do what thou wilt shall be the whole of the Law‘ (Buch des Gesetzes, I:40). Ergänzt allerdings durch die (schon nicht mehr ganz so allgemein bekannte) ‚zweite Hälfte‘ dieser Definition von Thelema: ‚Love is the law, love under will‘ (ebd. I:57), also in etwa ‚Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen‘.

Dieses ‚do what thou wilt‘ bedeutet also gerade NICHT ´’do what you please‘ oder ‚do what you like‘, im Sinne von ‚tu was immer dir gefällt‘, sondern ebeu ‚tu was du (wirklich) willst!!‘ … Handle gemäß deinem ‚Wahren Willen‘, gemäß deinem tiefsten Impuls zur Entfaltung deines individuellen Seins.

Für unsere Zwecke in diesem Aufsatz (auch mit Blick auf die zweite Hälfte dieses Hauptteils) halten wir also fest: Das Grundmotto der Philosophie von Thelema ist ‚Do what thou wilt shall be the whole of the Law‘ und ‚Love is the law, love under will‘.

Die beiden Begriffe ‚Wille‘ und ‚Liebe‘ sind in ihren griechischen Entsprechungen (Thelema und Agape) ihrem Zahlenwert nach identisch (93: Thelema = 9-5-30-8-40-1; Agape = 1-3-1-80-8).

Und die These an dieser Stelle sei: Dieser Primat des WILLENS, der sich in der ‚Liebe‘, als seiner reinsten (oder klarsten) Manifestation, ausdrückt, ist ein Prinzip, das für sich eine grundsätzliche Allgemeingültigkeit in allen Traditionen geistigen Strebens beanspruchen kann. Ein wesentliches Moment des ‚Buches des Gesetzes‘ von Crowley (bzw. ‚Aiwass‘ …) ist dabei noch, dass die spezifische Formulierung dieses Prinzips gerade in eben dieser Form die angemessene Gestalt für das ‚herrschende Zeitalter‘ annimmt. Während also das Prinzip selbst, jenseits der Worte, die es ausdrücken, ewig ist, hat die Formulierung als Crowleys ‚Law of Thelema‘ ihre Bedeutung gerade für dasjenige historische Zeitalter, das formal am 8.4.1904 beginnt, und das gegenüber dem vergangenen, ‚osirischen‘ Äon, nun von der mythischen Figur des ‚Horus‘, des ‚gekrönten, erobernden Kindes‘, geprägt sei. Zu diesen aus der altägyptischen Tradition entlehnten Figuren von Osiris und Horus (und weiteren Götternamen) soll an anderer Stelle noch manches erwähnt sein. Zunächst sei es hier nur erwähnt, um auf den variablen Ausdruck der Gottheit, als des ‚Göttlichen Wortes‘, des Logos, im Laufe der Zeitalter hinzuweisen, die dennoch keinen Widerspruch darstellt zur Ewigkeit und Einheit des Göttlichen, wenn dieses jenseits alles Erscheinenden begriffen wird (… sind doch Osiris und Horus beide Ausdrücke EINER göttlichen ‚Triade‘ – vgl. das christliche Trinitäts-Konzept, das, parallel zu Crowleys Darstellung eines ‚den Vater Osiris ablösenden Horus‘, in mancher theologischen Tradition ebenfalls von aufeinander folgenden Zeitaltern ‚des Vaters‘, ‚des Sohnes‘ und ‚des Heiligen Geistes‘ spricht).

Auf das ‚Tu was du willst‘ zurückkommend sei noch erwähnt: Michael Ende, der Autor der ‚Unendlichen Geschichte‘ und von ‚Momo und die Zeitdiebe‘, referiert ebenfalls auf dieses spirituelle Prinzip des Willens, wenn er das exakt selbe Motto des ‚Do what thou wilt‘ auf einem zentralen magischen Objekt eingraviert vorstellt. Ende soll sich dabei (wenigstens laut Wikipedia) aber wohl weniger auf Crowley, als auf Francois Rabelais berufen, einen französischen Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, der zudem katholischer Ordensbruder war (Franziskaner, später Benediktiner), und jenes Motto im Rahmen einer Erzählung als Leitspruch einer fiktiven Gemeinschaft formuliert (nachzulesen in seinem Buch Pantagruel). Auch Crowley greift ausdrücklich auf Rabelais zurück, nennt ihn etwa unter den ‚Heiligen‘ seiner ‚Gnostisch-Katholischen Kirche‘ im Ritual der ‚Gnostischen Messe‘. Zudem tauft Crowley eines seiner größeren Projekte ‚Abtei Thelema‘ (eine Wohngemeinschaft unter ‚thelemischem Gesetz‘ in Cefalu, Sizilien), wie auch Rabelais eine solche ‚Abtei von Thelema‘ in einem seiner Romane erwähnt (wiederum in besagtem Pantagruel, wo das Thelema-Motto die Gemeinschaft dieser Abtei leitet). Rabelais greift dabei mit seiner Formulierung von ‚Thelema‘ wohl auf ein Zitat des Kirchenvaters Augustinus von Hippo zurück, der schreibt: ‚Liebe (Gott), und (dann, vor diesem Hintergrund,) tu, was du willst!‘

1.2. Das ‚Buch des Gesetzes‘ (Liber al vel Legis)

Das ‚Buch des Gesetzes‘ (oft abgekürzt als AL) ist das zentrale literarische Werk von Thelema. Man kann es entsprechend als die (zentrale, nicht einzige) ‚Heilige Schrift‘ der als ‚Religion‘ verstandenen Philosophie ‚Thelema‘ betrachten. Letztere Deutung wird freilich besonders durch die Behauptung untermauert, dass Crowley das Werk gänzlich als ‚Verbalinspiration‘ durch ein ‚Höheres Wesen‘ namens ‚Aiwass‘ empfangen haben will.

Als voller Titel ist auf dem Deckblatt des Buches zu lesen:

Liber AL vel Legis
sub figura CCXX
The Book of the Law
as delivered by XCIII=418 to DCLXVI

wobei die letzte Zeile auf die erwähnte Übermittlung des Textes durch die Entität ‚Aiwass‘ (Zahlenwert laut Crowleys Version einer ‚Gematria‘: 93=418; 93 u. a. als Thelema/Agape und 418 u. a. als Abrahadabra, mehr zu letzterem unten am Ende des Abschnittes 1.1.9.) an Crowley (‚666‘) hinweist.

Das Buch kann hier inhaltlich nicht ausführlich (geschweige denn erschöpfend) behandelt werden, sondern stehe für sich selbst. Es ist leicht, es abzulehnen. Für das Verständnis der vorliegenden Abhandlung muss es aber zumindest einmal gelesen sein, ohne reflexhaft einen ‚bösen Willen‘ seitens des (Auf-)Schreibers hineinzuprojezieren. Am Ende gibt der LESER eines jeden Textes dem Text den Wert, der dem Text für ihn persönlich in jedem Moment seines Lebens neu zukommt.

Nur zu den ‚Götternamen‘ sei hier noch mancher Hinweis gegeben:

Zu Aiwass wird gesagt: ‚Behold! it is revealed by Aiwass the minister of Hoor-paar-kraat.‘ (Buch des Gesetzes, 1:7), wobei mit ‚Hoor-paar-kraat‘ der ‚Harpokrates‘ der Griechen gemeint ist, das ist ‚Horus als Kind‘, gelegentlich als ‚Gott des Schweigens‘ gedeutet (vermutlich aber teilweise auf einer Missdeutung einer Geste beruhend, nämlich auf dem Zeigefinger auf den Lippen, die im altägyptischen Kontext ursprünglich die kindliche Unschuld andeuten sollte, und nicht die Verschwiegenheit, wie es die antiken Griechen dann wohl verstanden).

Der erste der drei Abschnitte des Liber Legis wird der Göttin ‚Nuit‘ zugeschrieben. Sie ist ‚der Zirkel, der alles umfasst, und alle Punkte, die sich darauf finden‘. So steht sie für das ‚Äußere‘, für das Erscheinende, Umfassende und Umgrenzende. Sie ist an sich zunächst alles unverwirklichte Potential.

Der zweite Teil des Liber Legis wird dem Gott ‚Hadit‘ zugeschrieben. Er ist ‚der Mittelpunkt des Kreises, und aller Wesen innerstes Feuer‘. Damit steht er für das ‚Innere‘, für das Verborgene, Alles-Durchdringende und Belebende. Er ist an sich das ‚wirklich Wirkende‘, das dem Potential der Nuit den Impuls und die Kraft zur Verwirklichung verleiht.

Aus dieser beiden Begegnung schöpft sich deshalb die tatsächliche Wirklichkeit der Schöpfung.

Und diese Wirklichkeit ist, so könnte man sagen, in ihrer reinsten Form ‚Ra-Hoor-Khuit‘, der primäre ‚Sprecher‘ des dritten und finalen Teiles des Liber Legis: Er ist das Kind als Frucht der Vereinigung der beiden andern, Hadit und Nuit. Dabei ist ‚Ra-Hoor-Khuit‘ eine Namensform, die wörtlich ungefähr ‚Ra als Horus am Horizont‘ ausdrückt; Ra/Osiris, der vom ‚Bösen‘ zerstückelte Schöpfergott, wird in seinem Sohn Horus wiedergeboren – wie die lebensspendende Sonne, nach ihrem ‚Sterben‘ in die Nacht hinein, am Morgen am Horizont ‚wiedergeboren‘ wird.

So ist Ra-Hoor-Khuit im thelemischen Sinne ‚das in die Welt hineinkommende Göttliche‘, in dem ‚Ra als Horus wiedergeboren‘ wird, und so als das ‚Gekrönte, erobernde Kind‘ das ‚Neue Äon‘ einläutet, einleitet und regiert.

1.3. Magie; ‚Magick‘

Ein zentraler Begriff in der thelemischen Gedankenwelt ist bekanntermaßen das von Crowley geprägte Verständnis von ‚Magie‘, die er im Englischen ausdrücklich als ‚magick‘ schreibt, um sie von, seiner Auffassung nach falsch verstandener, herkömmlicher ‚magic‘ zu unterscheiden.

Eine Crowley-Definition ist zum Beispiel: ‚Die Kunst und Wissenschaft, die Welt in Übereinstimmung mit dem Willen zu formen‘. Eine weitere ist: ‚Die Methode der Wissenschaft, das Ziel der Religion‘ (was auch auf dem Titelblatt seiner Zeitschrift The Equinox zu lesen ist.(The Equinox Vol. I, No. III: ‚The Equinox of the Gods‘)

In seinem ‚Book 4‘ finden sich Definitionem von ‚Magick‘ wie ‚Every intentional (willed) act is a Magical Act.‘ und ‚Magick is the Science of understanding oneself and one’s conditions. It is the Art of applying that understanding in action.‘

Eine ausführlichere, abstrakte Annäherung an den Begriff gibt er ebenfalls im ‚Book 4‘:

‚One must find out for oneself, and make sure beyond doubt, „who“ one is, „what“ one is, „why“ one is … Being thus conscious of the proper course to pursue, the next thing is to understand the conditions necessary to following it out. After that, one must eliminate from oneself every element alien or hostile to success, and develop those parts of oneself which are specially needed to control the aforesaid conditions.‘

Von den verschiedenen Formen von Magick, die Crowley beschreibt (siehe besonders die entsprechenden Hauptwerke Book 4 und Magick in Theory and Practice), sind nicht alle gleich prominent im Einweihungsweg des A.‘. A.‘. vertreten. Aber auf einige der Wichtigeren wollen wir hier schon kurz eingehen, indem die Begriffe ‚Astral-Ebene‘, ‚Yoga‘ und ‚Rituelle Magie‘ anhand einiger Zitate illustriert werden.

1.4. Astral-Ebene

Nicht ganz so präzise wie zum Beispiel Rudolf Steiner beschreibt Crowley eine sogenannte ‚Astral-Ebene‘, in der sich der Mensch vermittels seines ‚Body of Light‘ bewegen kann, wobei dieses ‚Reisen‘ sowohl innerhalb der Astralebene, als auch innerhalb der physischen Welt, losgelöst vom physischen Körper geschieht. (Dieser ‚Astralleib‘ nach Crowley scheint auch manche Charakteristiken des Lebensleibes/Ätherleibes/Bildekräfteleibes der Anthroposophie aufzuweisen.) Dieser ‚Lichtkörper‘ wird ausführlich im Liber CL, De Lege Libellum beschrieben, außerdem im Kapitel XIII von Magick in Theory and Practice.

1.5. ‚Yoga und Ritualmagie‘ als zwei Seiten derselben Sache

Zum Verhältnis von ‚Ritualmagie‘ und ‚Yoga‘ vertritt Crowley eine Auffassung, die er zum Beispiel in seinen ‚Postcards to Probationers‘, unter der Überschrift ‚YOGA AND MAGIC‘ zusammenfasst:

‚I. Yoga is the art of uniting the mind to a single idea. It has four methods.

Gnana-Yoga, Union by Knowledge

Raja-Yoga, Union by Will

Bakhta-Yoga, Union by Love

Hatha-Yoga, Union by Courage

Add Mantra-Yoga, Union by Speech

Karma-Yoga, Union through Work

These are united by the supreme method of Silence.

II. Ceremonial Magic is the art of uniting the mind to a single idea.

It has four Methods.

The Holy Qabalah, Union by Knowledge

The Sacred Magic, Union by Will

The Acts of Worship, Union by Love

The Ordeals, Union by Courage

add The Invocations, Union by Speech

The Acts of Service, Union through Work.

These are united by the supreme method of Silence.

III. If this idea be any but the Supreme and Perfect idea, and the student lose control, the result is insanity, obsession, fanaticism, or paralysis and death (add addiction to gossip and incurable idleness), according to the nature of the failure.

Let then the Student understand all these things and combine them in his Art, uniting them by the supreme method of Silence.‘

‚Rituelle Magie‘ ist nach Crowley also gewissermaßen einfach die deutlicher ’nach außen‘ gerichtete, andere Seite des Yoga.

Und um sein (sehr von Patanjali geprägtes) Verständnis von Yoga kennenzulernen, bietet sich vor allem seine Schrift Eight Lectures on Yoga an. Darin definiert er Yoga (einer möglichen Etymologie des Sanskrit-Wortes nach) als ‚Einswerdung, Vereinigung‘ (‚Yoga means Union.‘), was sich noch in den indogermanischen Sprachen am Wort ‚Joch‘ nachvollziehen läst, mithilfe dessen zwei Entitäten miteinander verbunden, vereinigt werden.

Eine weniger theoretische, mehr auf die (‚magische‘) Praxis ausgerichtete Abhandlung zum Yoga stellt zudem Crowleys Liber E dar.

Als höchste Stufe, die der Geist durch (Raja-)Yoga zu erreichen vermag, gilt allgemein ‚Samadhi‘. Bemerkenswerterweise vergleicht Crowley dieses hinduistische Konzept des ‚Samadhi‘ mit dem ‚Glauben‘, den die Verfasser (er schreibt allerdings wörtlich ‚Fälscher‘ …) der biblischen Apostelbriefe beschreiben – Crowley formuliert das so:

‚Not what Christians call faith, be sure! But what (possibly) the forgers of the Epistles – those eminent mystics! – meant by faith. What I call Samadhi!‘ (siehe die Erzählung ‚The Soldier and the Hunchback‘, Liber 148)

1.6. die Schwelle (Limes) und das ‚Adeptentum‘

Unter der ‚Schwelle‘ ist der erste große Schritt zu verstehen, nach dem die eigentliche Phase des sogenannten ‚Adeptentums‘ beginnt. Der Adept lernt kennen, was in der Thelema-Terminologie der ‚Heilige Schutzengel‘ genannt wird (siehe unten unter 1.1.7.), und beginnt mit diesem in Austausch zu treten. Doch davor muss eben jener Schritt über die ‚Schwelle‘ getan werden. Auf dieser Schwelle gilt es solange zu verweilen, bis alles bis hierhin Erlernte in harmonische Einheit gekommen ist. Doch dazu mehr in späteren Abschnitten.

Jedenfalls ist das Adeptentum der eigentliche Kern des Ordens, das ‚Erwachsenwerden‘ in der Geistigen Welt sozusagen. Während alles bisherige nur die Vorbereitung, die ‚Läuterung‘ war, beginnt mit dem Überschreiten der Schwelle die eigentliche ‚Erleuchtung‘ (wobei diese Audrucksweise nicht die übliche ‚thelemische‘ ist).

1.7. ‚Heiliger Schutzengel‘

Der schon erwähnte ‚Heilige Schutzengel‘ (Holy Guardian Angel, kurz HGA) ist das zentrale Motiv des ganzen Adeptentums, ja: das Kennenlernen desselben und der Austausch mit ihm (Knowledge and Conversation, kurz K&C) gilt als die vornehmste und höchste Aufgabe des Ordens, zu deren Bewältigung die Methoden geliefert und die Wege aufgezeigt werden. Von da an ist es dann der Heilige Schutzengel selbst, der den weiteren Weg voran bestimmt. Oder in den Worten Crowleys:

‚It should never be forgotten for a single moment that the central and essential work of the Magician is the attainment of the Knowledge and Conversation of the Holy Guardian Angel. Once he has achieved this he must of course be left entirely in the hands of that Angel, who can be invariably and inevitably relied upon to lead him to the further great step—crossing of the Abyss and the attainment of the grade of Master of the Temple.‘ (Magick Without Tears, Kapitel 83)

Ausführliche Beschreibungen der Thematik finden sich in unterschiedlicher literarischer Form in folgenden Werken Crowleys:

Liber Cordis Cincti Serpente (zu den Beziehungen zwischen Adept und dem Heiligen Schutzengel)

The Wake World (eine Allegorie in poetischer Form zum selben Thema)

Liber Samekh (das ausführlich kommentierte Ritual, welches Crowley selbst auf seinem Weg praktiziert hat, um die ‚K&C‘ mit dem ‚HGA‘ zu erreichen)

The 8th Aethyr in The Vision and the Voice (eine weitere Beschreibung des HGA und der K&C)

Der Heilige Schutzengel wird im Übrigen mitunter durch viele weitere Begriffe bezeichnet, die anderen Traditionen entnommen sind. Beispiele hierfür sind: ‚Adonai‘ und ‚Christus‘ aus dem jüdisch-christlichen Hintergrund, ‚Atman‘ und ‚Vishnu‘ aus verschiedenen hinduistischen Traditionen, ‚Tao‘ aus dem chinesischen Kulturkreis.

Ausdrücklich verwahrt wird sich aber gegen eine Identifizierung des HGA mit einem abstrakten ‚Höheren Selbst‘, von welchem in einigen ‚esoterischen‘ Strömungen nicht selten die Rede ist. Dazu schreibt Crowley: ‚The Holy Guardian Angel is not the ‚Higher Self‘ but an Objective individual. […] He is not, let me say with emphasis, a mere abstraction from yourself; and that is why I have insisted rather heavily that the term ‚Higher Self‘ implies ‚a damnable heresy and a dangerous delusion‘. […] If it were not so, there would be no point in The Sacred Magic of Abramelin the Mage.‘ (Magick without Tears) Weiter unten wollen wir auf das Wesen des Heiligen Schutzengel noch einmal näher zu sprechen kommen.

1.8. ‚Kollegium des Heiligen Geistes‘

Das ‚Kollegium des Heiligen Geistes‘ wird als etwas genannt, das im Zuge der Konversation mit dem Heiligen Schutzengel dadurch erreicht wird, dass der Adept die ‚Formel des Rosenkreuzes‘, welche er bereits seit dem 2. Grad zu studieren begonnen hat, nun auch praktisch anwenden wird. Dieses Konzept sei hier deshalb schon einmal erwähnt, weil es später im Vergleich zu anderen Traditionen (namentlich gewisser jüdisch-christlicher Ansätze) wert ist, näher betrachtet zu werden.

1.9. das ‚Große Werk‘

Als ein Begriff aus der Alchemie meint das ‚Große Werk‘ ursprünglich das ‚Verwandeln von Unedlem in das Edelste‘: ‚Blei zu Gold machen‘, bzw. aus verschiedenen natürlichen Ausgangsstoffen den ‚Stein der Weisen‘, und das ‚Elixir des Lebens‘ herzustellen. Dies wird auch in der Alchemie, wo sie richtig verstanden wird, seit jeher als materieller Ausdruck von inneren (das arbeitende Individuum betreffenden) Prozessen begriffen.

So ist das Große Werk von Thelema das Befreien des Wahren Willens im Adepten; zunächst also als eine individuelle Aufgabe zu verstehen. Doch da der Wahre Wille notwendigerweise zuletzt identisch mit dem kosmischen Willen, dem ‚Willen Gottes‘ sozusagen‘, identisch ist, bzw. mit diesem konvergiert, ist das Große Werk im höchsten Sinne genommen nicht weniger als die ‚Heilung der gefallenen Welt‘, über den Weg des Einzelnen. In diesem letzteren Verständnis führt uns das thelemische Große Werk damit auch in den Bereich der jüdischen mystischen Tradition (‚Kabbala‘), wo von dem ‚Tiqqun Olam‘ die Rede ist, der ‚Heilung der Welt‘, an der sich der Weise in all seinem Tun beteiligt.

Betont muss werden, dass es beim ‚Großen Werk‘ für den Suchenden nicht darum geht, es einmal ‚abgeschlossen zu haben‘ an irgendeinem Punkt im Leben … vielmehr wird der Strebende immer weiter ‚Suchender‘ bleiben. Dieses Konzept lässt auch (der oft sehr als ’sich selbst vergottend‘ wahrgenommene) Crowley nicht außer Acht:

‚The Quest of the Holy Grail, the Search for the Stone of the Philosophers—by whatever name we choose to call the Great Work—is therefore endless. Success only opens up new avenues of brilliant possibility. Yea, verily, and Amen! the task is tireless and its joys without bounds; for the whole Universe, and all that in it is, what is it but the infinite playground of the Crowned and Conquering Child, of the insatiable, the innocent, the ever-rejoicing Heir of Space and Eternity, whose name is MAN?‘ (Little Essays towards Truth)

Crowley weist auch auf die Notwendigkeit hin, das ‚Große Werk‘ nicht als ein nur ‚hoch-spirituelles‘, vom äußeren Leben gänzlich abgesondertes Geschehen anzugehen, während man im normalen Alltag nach den alten, menschlichen-allzumenschlichen Mustern weiter lebt:

‚I insist that in private life men should not admit their passions to be an end, indulging them and so degrading themselves to the level of the other animals, or suppressing them and creating neuroses. I insist that every thought, word and deed should be consciously devoted to the service of the Great Work. ‚Whatsoever ye do, whether ye eat or drink, do all to the glory of God“ (Confessions)

Auch das ‚Erkenne dich Selbst!‘ (Gnothi Seauton) der Alten gehört hierher als Ausdruck für das ‚Große Werk‘: Es ist die Vereinigung von Mikro- und Makrokosmos (auch im Begriff der Verschmelzung von Pentagramm und Hexagramm versinnbildlicht), wobei der ‚Phallus des Makrokosmos‘ den Mikrokosmos (den Menschen) befruchtet – sodass mit ‚erkennen‘, analog der biblischen Ausdrucksweise, eigentlich der Zeugungsakt gemeint ist; ’sich selbst befruchten‘ also – durch den Kosmos, der einen umgibt, befruchtet zu werden, um dann nach der Reifezeit ‚das Kind‘ zu gebären als den Wahren Menschen, den ‚Adam Qadmon‘ (hier sei ein ganz leiser Hinweis auf die höchste Gottheit ‚Abrasax‘, oder ‚Ablanatanalba‘, gegeben – und ansonsten darüber geschwiegen).

Bei Crowley wird dieses Vereinigen auch in dem Wort ‚Abrahadabra‘ angedeutet (Zahlenwert 418), das er als Abwandlung vom altbekannten ‚AbraKadabra‘ einführt, was wiederum ursprünglich von hebräisch/aramäisch ‚ich bin am erschaffen, indem ich am sprechen bin‘ kommt. Bei Crowley ist deshalb die 418, bzw. Abrahadabra, Ausdruck des ‚Wortes‘ doppelter Schöpfungskraft (mikro- und makrokosmisch).

1.10. ‚Abgrund‘ (Abyss)

Eine zweite Art von Schwelle (und zwar eine noch viel fundamentalere) wartet auf den Adepten, wenn er von seinem Engel weit genug geführt worden ist. Und diese zweite Schwelle lässt die erste wie nichts erscheinen, sie ist der ‚Abgrund‘, der ‚Abyss‘, in dem alles sich verliert, in dem alle als Potential enthalten ist. Crowley beschreibt es einmal so (in ‚Little Essays on Truth‘):

‚This doctrine is extremely difficult to explain; but it corresponds more or less to the gap in thought between the Real, which is ideal, and the Unreal, which is actual. In the Abyss all things exist, indeed, at least in posse, but are without any possible meaning; for they lack the substratum of spiritual Reality. They are appearances without Law. They are thus Insane Delusions.

Now the Abyss being thus the great storehouse of Phenomena, it is the source of all impressions.‘

Weiter unten (Abschnitte 1.2.7. und 1.3.) soll noch ausführlicher auf den Abyss und die kritischen Geschehnisse darin eingegangen werden.

1.11. ‚Schwarze Brüder‘

Erwähnt sei zuletzt noch das Konzept sogenannter ‚Schwarzer Brüder‘ (‚Black Brothers‘), oder ‚Brüder des Pfades der Linken Hand‘, auf das wir im Laufe dieser Abhandlung noch mehrmals zurückkommen werden.

Mit diesem Konzept wird der Prozess erklärt, durch den ‚böse Adepten‘ zustandekommen. Dabei handelt es sich also um wirkliche Eingeweihte, die jedoch im Laufe ihres Weges ‚auf die schiefe Bahn‘ geraten. Und zwar passiert dies nicht an jeder beliebigen Stelle des Weges, sondern an einem ganz bestimmten ‚kritischen Punkt‘. Crowley drückt es so aus:

‚He must then [an einem bestimmten Punkt seines Weges, wo er sich dem ‚Abyss‘ nähert] decide upon the critical adventure of our Order; the absolute abandonment of himself and his attainments. He cannot remain indefinitely an Exempt Adept; he is pushed onward by the irresistible momentum that he has generated.

Should he fail, by will or weakness, to make his self-annihilation absolute, he is none the less thrust forth into the Abyss; but instead of being received and reconstructed in the Third Order, as a Babe in the womb of our Lady BABALON, under the Night of Pan, to grow up to be Himself wholly and truly as He was not previously, he remains in the Abyss, secreting his elements round his Ego as if isolated from the Universe, and becomes what is called a “Black Brother”. Such a being is gradually disintegrated from lack of nourishment and the slow but certain action of the attraction of the rest of the Universe, despite efforts to insulate and protect himself, and to aggrandise himself by predatory practices. He may indeed prosper for a while, but in the end he must perish, especially when with a new Aeon a new word is proclaimed which he cannot and will not hear, so that he is handicapped by trying to use an obsolete method of Magick, like a man with a boomerang in a battle where every one else has a rifle.‘ (in ‚One Star in Sight‘, in Book 4, Appendix II)

Eine weniger gefährliche Vorstufe des ‚Bösen‘ ergibt sich allerdings auch schon viel früher, wenn nämlich Magie zu praktizieren versucht wird (vielleicht auch, ohne es bewusst als ‚Magie‘ zu verstehen), OHNE im Austausch mit dem Heiligen Schutzengel zu stehen. Dies wird von Crowley einmal gar mit ‚Schwarzer Magie‘ assoziiert – im selben Zusammenhang dann aber auch wieder etwas relativiert:

As was said at the opening of the second chapter, the Single Supreme Ritual is the attainment of the Knowledge and Conversation of the Holy Guardian Angel. It is the raising of the complete man in a vertical straight line … Any other operation is black magic … If the magician needs to perform any other operation than this, it is only lawful in so far as it is a necessary preliminary to That One Work. […] There are, however many shades of grey. It is not every magician who is well armed with theory. Perhaps one such may invoke Jupiter, with the wish to heal others of their physical ills. This sort of thing is harmless, or almost so. It is not evil in itself. It arises from a defect of understanding. Until the Great Work has been performed, it is presumptuous for the magician to pretend to understand the universe, and dictate its policy. […] There are, of course, entirely black forms of magic. To him who has not given every drop of his blood for the cup of BABALON all magic power is dangerous. There are even more debased and evil forms, things in themselves black. Such is the use of spiritual force to material ends. Christian Scientists, Mental Healers, Professional Diviners, Psychics and the like, are all “ipso facto” Black Magicians.

They exchange gold for dross. They sell their higher powers for gross and temporary benefit. That the most crass ignorance of Magick is their principal characteristic is no excuse, even if Nature accepted excuses, which she does not. If you drink poison in mistake for wine, your “mistake” will not save your life. (Magick in Theory and Practice; in Buch 4, Kapitel 21, überhaupt ein sehr lesenswertes Kapitel, um Grundkonzepte kennenzulernen)

!O!

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