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3. ‚Spreu vom Weizen‘: der ‚Silberstern‘

2. April 2020

3. ‚Spreu vom Weizen‘: der ‚Silberstern‘ und die ‚Schwarzen Brüder‘

Die kritische Weggabelung beim Eintritt in den eigentlichen A.‘. A.‘., den ‚Inneren Orden‘, wird als der ‚Abyss‘, der ‚Abgrund‘ bezeichnet, von dem auch schon kurz die Rede war. Hier entscheidet sich, ob der Innere Orden wirklich erreicht wird, oder ob man den ‚Pfad der linken Hand‘ zu gehen verdammt ist …

Als ‚Übergangsstufe‘ ohne eigenen ‚Grad‘ wird der Name ‚Babe of the Abyss‘ gegeben, ‚Junges des Abgrunds‘. Diese Stufe zu erreichen heißt, sich an der Weggabelung ‚rechts‘ gehalten zu haben. Doch zunächst einige Sätze zu dem Fall, wo man ‚links‘ fortzuschreiten wählt.

3.1. Dunkle Eingeweihte als Ergebnis des Versagens angesichts des Abgrundes

An dieser Stelle soll nun etwas ausführlicher ein Konzept vorgestellt werden, dass bei Crowley in sehr präziser Form vorgestellt wird. Oben in den Definitionen wurde schon der Begriff der ‚Schwarzen Brüder‘, oder ‚Brüder des Pfades der Linken Hand‘, eingeführt. Jetzt wollen wir die Geschehnisse auf dem Weg des Adepten, die solch dramatische Ergebnisse zeitigen können, im Detail betrachten.

Im Originalwortlaut Crowleys klingt das so: ‚ […] the Brothers of the Left Hand Path. These are they who “shut themselves up”, who refuse their blood to the Cup, who have trampled Love in the Race for self-aggrandisment.‘

Und weiter:

‚As far as the grade of Exempt Adept, they are on the same path as the White Brotherhood; for until that grade is attained, the goal is not disclosed. Then only are the goats, the lonely leaping mountain-masters, separated from the gregarious huddling valley-bound sheep. Then those who have well learned the lessons of the Path are ready to be torn asunder, to give up their own life to the Babe of the Abyss which is — and is not — they.

The others, proud in their purple, refuse. They make themselves a false crown of the Horror of the Abyss; they set the Dispersion of Choronzon upon their brows; they clothe themselves in the poisoned robes of Form; they shut themselves up; and when the force that made them what they are is exhausted, their strong towers fall, they become the Eaters of Dung in the Day of Be-with-us, and their shreds, strewn in the Abyss, are lost.

Not so the Masters of the Temple, that sit as piles of dust in the City of the Pyramids, awaiting the Great Flame that shall consume that dust to ashes. For the blood that they have surrendered is treasured in the Cup of OUR LADY BABALON, a mighty medicine to awake the Eld of the All-Father, and redeem the Virgin of the World from her virginity.‘ (Book 4, Kapitel 21, I)

Angesichts einiger mythischer Bilder in diesen Ausführungen, müssen wir auf manches noch näher eingehen.

3.2. Choronzon als das ‚destruktive Chaos‘

Wir können unterscheiden zwischen zwei Aspekten dessen, was wir ‚Chaos‘ nennen: den destruktiven und den konstruktiven Aspekt. Es bleibt aber das EINE Chaos, dem beide Möglichkeiten entspringen. Von diesem Spannungsverhältnis ‚lebt‘ der sogenannte ‚Abyss‘, der ‚Abgrund‘, um den es hier geht, den es zu überwinden gilt. Und das Überwinden wird NUR durch ein zwischenzeitliches Untergehen gewährt. Im zweiten Hauptteil kann dieser kritische Punkt noch einmal aus Sicht der jüdischen Überlieferung näher beleuchtet werden (Stichwort ‚Neunter Schöpfungstag‘).

Doch lassen wir hier zunächst Crowley selbst es ausdrücken:

‚The name of the Dweller in the Abyss is Choronzon, but he is not really an individual. The Abyss is empty of being; it is filled with all possible forms, each equally inane, each therefore evil in the only true sense of the word—that is, meaningless but malignant, in so far as it craves to become real. These forms swirl senselessly into haphazard heaps like dust devils, and each such chance aggregation asserts itself to be an individual and shrieks, „I am I!“ though aware all the time that its elements have no true bond; so that the slightest disturbance dissipates the delusion just as a horseman, meeting a dust devil, brings it in showers of sand to the earth‘ (Confessions, Kapitel 66)

Zunächst einmal wird hier also hervorgehoben, dass alles chaotische Potential des Abyss NOCH nicht real ist, noch nicht jenseits dieses Abgrunds wirklich, also WIRKsam, WIRKend ist. Es geht um die Frage, WAS davon ‚überläuft‘, aus dem Abgrund heraus in die tiefere, feste(re) Realität unserer Welt hinabsteigt. Jener ‚Bewohner des Abgrunds‘, ‚Choronzon‘, strebt danach, unkontrolliert alles auszugießen, das gesamte ‚Meer allen Potentials‘ als alles verschlingendes Chaos über die Schöpfung zu bringen. Und das Individuum, das sich in ’sein‘ Herrschaftgebiet begibt, also mit dem Abyss konfrontiert ist, droht, zum Vehikel zu werden, über welches ‚er‘ in die dichteren Welten hinein wirken kann. Aber das Potential dieses Abgrunds ist nicht ‚an sich‘ das Böse!

Aus dem Chaos schöpft sich die Ordnung, jedoch aus dessen konstruktiver Seite. Insofern ist ‚Choronzon‘ gewissermaßen ein anderer Name für den unerlösten ‚Baphometh‘, den ‚greulichen Götzen‘, wenn darunter die ‚Weltseele‘ verstanden wird, die sich selbst zum letzten Grund der Schöpfung erklärt (der Drache, der als Gott verkleidet auftaucht, wo man auf der Suche nach der letzten Ursache ist …) – und der so die Menschen verführt, durch Kenntnis (über diese Weltseele) individuelle Macht zu erhalten. Denn wer beginnen würde, das Potential, das da nach chaotischer Verwirklichung strebt, als eine Art kosmischen ‚Baukasten‘ zu betrachten, aus dem heraus ER SELBST nun schöpfen könne … der verweigert sich dem Prinzip dieses Abgrunds und wird dadurch unbemerkt Sklave von ‚Choronzon‘, gibt dieser eigentlich irrealen Figur eine relative Existenz und wird dadurch selbst zum ‚Bruder des Pfades der Linken Hand‘, ummauert sich mit den Schichten jener Chaosmacht, sich so einen vermeintlichen Panzer für das Ego bastelnd – und kehrt zurück in die niederen Welten mit scheinbarer Macht über seine Mitgeschöpfe. Zum Preis des Erlöst-Werdens von diesen niederen Welten, in denen er nun verdammt ist, bis zum bitteren Ende zu verbleiben und mit ihnen samt und sonders unterzugehen, an den folgenden Äonen nicht länger als Individuum teilhaben zu können.

In den hierbei beschriebenen Prozessen lässt sich so etwas wie eine ‚Genealogie des (okkulten) Bösen‘ erkennen. Diese ‚Genealogie‘ erklärt JEDE Form von solchem ‚Bösen‘, das mit einer Art ‚okkultem Arsenal‘ bewaffnet ist!

Die ‚Bösen‘ aus allen Lagern zeichnen sich also im innersten Kern gerade durch ihr (innerliches) Verweigern der Vielheit der Wege auf das EINE Ziel hin aus.

All diese ‚Schwarzen Brüder‘ sind ‚Baphometh erlegen‘, wollen ‚ihn‘, zum Götzen degradiert, als Quelle ihrer Zauberkräfte missbrauchen – anstatt ihn sich in ihrer eigenen Seele selbst erkennen zu lassen (und ihn sich durch sie so ’selbst erlösen‘ zu lassen).

Aber es gibt demgegenüber auch das ‚konstruktive Chaos‘, das diesem Abyss entspringt: Nämlich der triumphierende Baphometh, ‚die Hieroglyphe der arkanen Perfektion‘, der sich als die Leiter zwischen Oben und Unten aufspannt, mit seinen Armen im Zeichen des Hebräischen Aleph (‚Wie oben, so unten‘)! Er entspricht dem ‚Pan‘ (im Rahmen von Crowleys Mythologie), der sich mit ‚Babalon‘ vereinigt, sodass diese ‚Hure Babylon‘ der johanneischen Offenbarung identifiziert wird mit der ‚Frau, von der Sonne bekleidet, die 12 Sterne als Kronenschmuck tragend, den Mond unter ihren Füßen‘ – und der ‚Becher voller Unreinheiten und dem Blut der Heiligen‘ ist letztlich der ‚Heilige Gral‘, in dem sich mit dem Blut des Erlösers auch aller Seiner Märtyrer Blut mischt, und dieser ‚Zorneswein‘ so nichts anderes als die ‚Gemeinschaft der Heiligen‘ ausmacht.

3.3. Die Grade des SS: der eigentliche A.‘. A.‘. als jenseits jeglicher äußeren Organisiertheit

Zum großen Thema des ‚Abyss‘, jenes Abgrunds, der alles als Potential in sich birgt, sei zuletzt noch auf das Liber 418 hingewiesen, und zwar auf die dortige Beschreibung derjenigen ‚Aethyrs‘, die sich mit diesem Geschehen auseinandersetzen. Dies sind speziell die Nummern 14, 13, 12, 11, 10 und 9.

Um nun aber auch auf die Grade des eigentlichen ‚Inneren Ordens‘ einzugehen, der über diesen ‚Abgrund‘ hindurch erst erreicht werden kann, muss auch hier jetzt noch einmal mancher Aspekt dieses Übergangs beleuchtet werden – und dabei darf die organische Verbundenheit überhaupt aller Grade des A.‘. A.‘. nicht außer Acht gelassen werden.

3.3.1. der 8. Grad: Magister Templi, ‚Tempelmeister‘

In jeder eigentlichen ‚äußeren‘ Ordensstruktur stellt der 8. Grad, jener des ‚Tempelmeisters‘, die gewissermaßen ‚höchste‘ Stufe dar, die noch innerhalb einer Art hierarchischen Erscheinung der jeweiligen Tradition anzutreffen ist. Alles über diesen achten Grad hinausgehende spielt sich dagegen in erster Linie auf Ebenen jenseits der materiellen Welt ab – wenn auch der neunte Grad (‚Magus‘) noch so gedacht wird, dass durchaus ein konkreter Mensch in seinem historischen Auftreten in der Welt diesem Grad zugeordnet werden kann, also ‚als Magus identifiziert‘ werden kann.

Nun ist schon im Rahmen der Beschreibung des Geschehens rund um den ‚Abyss‘ einiges auch zum Grad des Tempelmeisters gesagt worden. Nun soll aber auch noch einmal in weniger ‚mythischen‘ Bildern, als vielmehr in theoretisch-abstrakter Sprache auf das Wesen dieser Stufe des Weges eingegangen werden. Crowley schreibt:

‚To attain the Grade of Magister Templi, he must perform two tasks; the emancipation from thought by putting each idea against its opposite, and refusing to prefer either; and the consecration of himself as a pure vehicle for the influence of the order to which he aspires. [… siehe hierzu weiter auch nochmal das bereits oben unter I: 1.11. Zitierte]‘ (One Star in Sight)

Einige zentrale Motive, die in vorherigen Abschnitten schon durch Crowley-Zitate und deren Kommentierung vorgestellt wurden, wo es in erster Linie um das Versagen in der Konfrontation mit dem Abyss ging, können hier noch einmal hervorgehoben werden. Denn beim Eintritt in den Innersten Orden, indem der Abyss überwunden wird, zeigen sich diese Geschehnisse ja gerade als die Brüder und Schwestern des ‚Ewigen Ordens‘ konstituierend. Diese Motive sind vor allem ‚Babalon‘, im Abyss nun ‚befruchtet von Pan‘, in der ‚Night of Pan‘ – und die ‚City of the Pyramids‘, in die der auf diesem Wege neu heranreifende ‚Tempelmeister‘ hineingeboren wird.

3.3.2. Night of Pan (N.O.X.)

Zunächst eine Ausdrucksweise, die bisher nicht erwähnt wurde in dieser Abhanldung: L.V.X wird im thelemischen System (und speziell im Bezug auf den Weg des A.‘. A.‘.) als Chiffre genutzt für das Geschehen speziell des fünften Grades (Adeptus Minor, Kennenlernen des Heiligen Schutzengels und Konversation mit diesem). Es ist dies eben die ‚Erleuchtung‘ durch das ‚Licht‘ (= lateinisch ‚Lux‘, bzw. LVX).

Auf ‚L.V.X.‘ folgt ‚N.O.X.‘; das heißt, der Weg, von diesem Beginn der ‚Erleuchtung‘ angefangen, bis hin zum völligen Einswerden mit dem ‚makrokosmischen‘ Willen, führt über die ‚Nacht (des PAN)‘, welche die Grade des höheren Adeptentums und die Tempelmeisterschaft umschließt, und dabei von dem Übergangsgrad des ‚Babe of the Abyss‘ unterbrochen ist, wo sich eben das eigentliche mystische Geschehen der ‚Befruchtung im Verborgenen‘ abspielt.

Wenn ein tieferer Drang verspürt wird, diesen Themen nachzugehen, seien hierbei auch die ‚Grad-Zeichen‘ des A.‘. A.‘. beachtet, wie sie schon in der Zeitschrift The Equinox damals durch Fotographien veröffentlicht worden sind – heute zu finden z. B. auf Thelemapedia unter dem Stichwort ‚Ritual Signs‘.

3.3.3. City of the Pyramids

In der ‚City of the Pyramids‘, der ‚Stadt der Pyramiden‘, kommt der Adept an, wenn er den Abyss durchschritten, oder präziser: durchlebt hat. So kommt genaugenommen nicht mehr der Adept von vor dem Abgrund hier an, sondern es ist nur der Staub der Überreste seines zerfallenen Selbstes, der hier in der Wüste nun, vom Winde zerweht, seine neue Form annimmt, die jenseits des ’natürlichen‘ menschlichen Individuellen existiert.

So sagt man vor diesem mythischen Hintergrund, der zum ‚Tempelmeister‘ aufgestiegene Suchende wird in der Stadt der Pyramiden ein ‚Niemand‘ (lateinisch ‚Nemo‘), ein ‚Namenloser‘ … und so wird er auch ein ‚Heiliger‘ genannt von jetzt an.

Formal besteht in der Aufnahme in den Inneren Orden an diesem Punkt auch die Berechtigung, von nun an die Formierung neuer Äußerer Orden vorzunehmen, also den zwei vorgelagerten Ordensabteilungen des Golden Dawn und des Rosy Cross beliebige neue Formen zu schaffen, vermöge derer deren Inhalte vermittelt werden können. Diese neuen ‚äußeren Orden‘ können dabei in jedweder organisatorischer Form gestaltet sein, von klassisch ‚fraternalistisch‘ mit Logenhäusern und Mitgliederverzeichnissen, bis gänzlich unpersönlich, auf reinem Selbststudium und daran anknüpfender Praxis basierend. Und natürlich sind auch alle Mittelwege und Mischformen dieser beiden Extreme möglich.

In diesem Sinne kann man sagen, dass ausnahmslos JEDE (authentische) ‚Religion‘ im Ursprung als eine Art äußerliche Umhüllung eines solchen ‚äußeren Ordens‘ des A.‘. A.‘. entstanden ist und auch in Zukunft immer weiter nur so entstehen wird. Damit ist also auch festgestellt, dass jeder wirkliche ‚Religionsstifter‘ ein ‚Meister des Tempels‘ nach diesem Verständnis ist.

3,4, Die höchsten Grade

Die höchsten beiden Grade des A.‘. A.‘.-Systems, ‚Magus‘ und ‚Ipsissimus‘, sollen hier nicht mehr versucht werden, viel näher zu beschreiben. Lediglich einige wenige ausgewählte Crowley-Zitate zu ihnen seien noch hierher gestellt, um damit zumindest einen Wegweiser zu geben, in welche Richtung die Reise noch gehen wird.

3.4.1. Magus, Beherrscher ‚des Wortes‘ (des Äons)

‚There are many magical teachers but in recorded history we have scarcely had a dozen Magi in the technical sense of the word. They may be recognized by the fact that their message may be formulated as a single word, which word must be such that it overturns all existing beliefs and codes. We may take as instances the Word of Buddha—Anatta (absence of an atman or soul) […] Mohammed, again, with the single word Allah […] Similarly, Aiwass, uttering the word Thelema (with all its implications), destroys completely the formula of the Dying God.‘ (Confessions, Kapitel 49)

3.4.2. ‚Ipsissimus‘, die ‚Absolute Selbstheit‘

‚The Ipsissimus is wholly free from all limitations whatsoever, existing in the nature of all things without discriminations of quantity or quality between them. He has identified Being and not-Being and Becoming, action and non-action and tendency to action, with all other such triplicities, not distinguishing between them in respect of any conditions, or between any one thing and any other thing as to whether it is with or without conditions.‘

‚He is sworn to accept this Grade in the presence of a witness, and to express its nature in word and deed, but to withdraw Himself at once within the veils of his natural manifestation as a man, and to keep silence during his human life as to the fact of his attainment, even to the other members of the Order.‘

‚The Ipsissimus is pre-eminently the Master of all modes of existence; that is, his being is entirely free from internal or external necessity. His work is to destroy all tendencies to construct or to cancel such necessities. He is the Master of the Law of Unsubstantiality (Anatta).‘

‚The Ipsissimus has no relation as such with any Being: He has no will in any direction, and no Consciousness of any kind involving duality, for in Him all is accomplished; as it is written ‚beyond the Word and the Fool, yea, beyond the Word and the Fool‘.‘ (Book 4, Appendix II)

Eine ausgiebige lyrische Annäherung an die Grade des Magus und des Ipsissimus findet sich im Liber 418, in den letzten (bzw. ersten) 8 ‚Aethyrs‘ (also 8. bis 1. Aethyr).

!A!

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