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2. Die 3 Abteilungen, Praxis und Parallelen

3. April 2020

2. Die 3 Abteilungen, ihre Praxis – und mögliche Parallelen, speziell im (chassidischen) Judentum

Jetzt wollen wir noch mehr in die Details gehen, und auch etwas systematischer vorgehen. Dazu gehen wir zunächst in den Grundzügen die drei Abteilungen des Ordens (und im Folgekapitel dann auch alle 10 Grade des ‚Ewigen Ordens‘ einzeln) durch, und suchen nach Äquivalenten speziell im chassidischen Brauchtum des Judentums, wo dieses noch im alten Feuer des Heiligen Baal Schem Tov gelebt wird (der als Gründer der modernen Form des Chassidismus gilt, für näheres zu seiner Person seien die Schriften Martin Bubers dazu empfohlen, für wirkliche Tiefe des Verständnisses aber die Schriften und Vorträge Friedrich Weinrebs!). Es geht hierbei nun explizit um die Praktiken dieses Chassidismus, die – trotz gelegentlich sehr unterschiedlicher äußerer Erscheinungsform – ihrem Effekt nach durchaus gleichwertig sind mit den Übungen und Herausforderungen des A.‘. A.‘..

2.1. Allgemeine Gemeinsamkeiten des dreigeteilten Weges des ‚Aufwärts-Strebenden‘

An dieser Stelle sei zunächst auf das Vorwort des Buches ‚Leben durchs Wort: Grundlage, Erbauliches, Überfluss‘ (siehe LaThalmidim.net, dort komplett online frei verfügbar) verwiesen, worin ‚der Weg‘ als grundsätzlich dreigeteilt vorgestellt ist. Neben ‚Grundlage, Erbauliches und Überfluss‘ werden zum Beispiel Bezeichnungen erwähnt wie ‚Schwärzung, Weißung und Rötung‘ (Nigredo, Albedo, Rubedo; der Alchemistischen Überlieferung entnommen), oder ‚Läuterung, Erleuchtung und Einswerdung‘. Jedenfalls sollte im Vergleich zum nun in dieser Abhandlung hier Ausgeführten deutlich werden, dass es sich beim 10-gradigen A.‘. A.‘.-System um ebendieselbe dreigeteilte Struktur des Weges handelt, indem die drei Abteilungen ‚Golden Dawn‘, ‚Rosy Cross‘ und ‚Silver Star‘ den genannten Phasen von ‚Läuterung, Erleuchtung und Einswerdung entsprechen.

Dazu wollen wir jetzt noch versuchen, den drei Abteilungen Praktiken aus verschiedenen Menschheitstraditionen zuzuordnen. Und speziell wollen wir dabei versuchen, einige wesentliche Bestandteile des traditionellen jüdischen Lebensweges mit diesen drei Abteilungen, bzw. ‚Phasen des Weges‘, zu parallelisieren.

2.1.1. Golden Dawn als ‚Läuterung‘ der inneren Grundhaltung und von Alltagsgewohnheiten

In der ersten Abteilung, dem ‚Golden Dawn‘, geht es um das erste ‚Dämmern‘ des Lichtes in der Dunkelheit. Was das konkret bedeutet, sollte in den vorherigen Kapiteln einigermaßen klar geworden sein, zumindest, was die Terminologie des A.‘. A.‘. betrifft.

Jetzt sollen dazu auch noch einige Begrifflichkeiten aus anderen Traditionen aufgeführt werden, die man mit den A.‘. A.‘.-Arbeiten des Golden Dawn vergleichen kann. Gegenüber den anderen beiden Ordensabteilungen findet sich in dieser ersten noch eine ganze Menge an solchen ‚verwandten‘ Techniken und Methoden – bei Rosy Cross und Silver Star wird es dann nicht mehr ganz so einfach sein, die Parallelen zu finden.

Vorneweg, quasi dem ‚Vorgrad‘ des ‚Probationers‘ (oder der noch einmal vorgelagerten ‚Schülerschaft‘) entsprechend, kann der allgemeine Hinweis auf (vor allem klassische) ‚Philosophie‘ gegeben werden. Denn ein grundlegendes Durchdenken dessen, was gemeinhin ’naiverweise‘ als ‚Realität‘ betrachtet wird, ist absolute Voraussetzung für alles weitere. Und die klassischen Philosophen des Altertums (Plato und Aristoteles, aber auch z. B. die Fragmente der Vorsokratiker) bilden schon mal eine gute Grundlage, von ihnen ausgehend auch selbständig dem Wesen der Wirklichkeit nachzuforschen. Ohne eine solche ‚vernunft-orientierte‘ Vorarbeit wäre es jedem dringend abzuraten, mit den eigentlichen ‚Übungen‘ des Golden Dawn anzufangen.

Schon aus der Wortwahl Crowleys zu diesen grundlegenden Übungen geht dann deutlich hervor, dass ‚Meditation‘ eine der primären Techniken ist, mit deren Hilfe eine der notwendigen Bedingungen für den weiteren Weg geschaffen wird: das Bewusstmachen des ‚Lichtkörpers‘ (und ggf. auch schon das ‚Kräftigen‘ desselben, und das erste Üben von dem, was bei Crowley ‚Astral-Reisen‘ genannt wird).

In etwas anderer Konnotation verfolgt in verschiedenen religiösen Schulen (z. B. christlich, hinduistisch, muslimisch) auch das ‚Gebet‘, bzw. die Übung von ‚Kontemplation‘, ähnliche Ziele, bzw. bringt jedenfalls ähnliche Effekte hervor (und wenn auch vielleicht eher als ‚Nebeneffekt‘, anstatt als erklärtes Ziel). Fast als eine Art ‚Königsdisziplin‘ dieser Art von Gebet und Kontemplation sei hier die klassische Mystik des Mittelalters erwähnt (die im Übrigen auch typischerweise mit einem stabilen ‚philosophischen Unterbau‘ daherkommt, siehe etwa das umfangreiche Werk Meister Eckarts).

Zum Thema ‚Astralreisen‘ kann man hier auch noch auf sogenannte ‚Schamanische Reisen‘, bzw. allgemein auf die praktische Arbeit von Schamanen verweisen, als ‚Priester‘ und ‚Heiler‘ mancher sogenannter ‚primitiver‘ Kulturen. Die ‚Traumzeit‘ der Aborigines Australiens ist ein relativ bekanntes Beispiel für solche ‚astrale Welten‘, die von den Menschen unter anderen zu kultischen Zwecken bereist werden.

Zum Thema ‚Kräftigung des Astralleibes‘ (bzw. ‚Lichtkörpers‘) muss hier auch auf (speziell asiatischen) Kampfsport (oder besser: Kampf-KUNST) hingewiesen werden. Daran angrenzend gehören hierzu entsprechend auch Praktiken wie Tai Chi oder das südamerikanische Capoheira.

An dieser Stelle könnte noch das weite Feld der ‚Alchemie‘ aufgemacht werden – doch weil diese Thematik im Grunde eine ganze Abhandlung für sich erfordern würde (einfach deshalb, weil bei der ‚Alchemie‘ die Vorurteile besonders vielfältig sind), wollen wir uns das hier ersparen.

In der Anthroposophie Rudolf Steiners gehört zur Methodik des Golden Dawns im Besonderen der Begriff der ‚Imagination‘ als erste Stufe der ‚Wahrnehmung höherer Welten‘ (siehe etwa die recht guten Einführungsartikel zur Anthroposophie allgemein auf anthrowiki.at, wo sich auch Verweise auf sämtliche Originalschriften Steiners finden).

Doch das Hauptanliegen dieser vergleichenden Betrachtung soll das chassidische Judentum sein.

Dabei könnte man mit der Arbeit des Golden Dawn, also der ersten vier eigentlichen Grade des A.‘. A.‘., die gesamte sogenannte ‚Halakha‘ des (nicht nur ‚chassidischen‘) Judentums assoziieren. Dabei handelt es sich um wörtlich den ‚Wandel‘, der als Empfehlung gegeben wird, und der bis ins minutiöseste Detail klärt, wie sich der Jude im gesamten Alltag (und natürlich auch in jedweder möglichen außergewöhnlichen Lebenssituation) im Optimalfall zu verhalten hat. Im Praktischen beginnt diese umfangreiche Lebensanleitung mit den morgendlichen Aufsteh-Ritualen samt Gebeten und Segenssprüchen (überhaupt mit den ausführlichen Gebets-Ordnungen für den Alltag und für die Festtage), geht über den Umgang mit ‚Heiligem‘ und ‚Unreinem‘ und überhaupt mit jeder erdenklichen Situation, die einem auf der Straße und im eigenen Haushalt begegnen könnte, bis hin zu grundsätzlichen Haltungen zu Themen wie Gestaltung gemeinsamer Glaubenspraxis, Heirat und Ehe, Kindererziehung und Verhältnis des Einzelnen zur herrschenden Gesellschaftsordnung.

Der Bezug zum Prozess der grundlegenden ‚Läuterung‘, bzw. zur Arbeit des Golden Dawn, in der die Vorbereitung und Stärkung des ‚Lichtkörpers‘ im Fokus steht, besteht bei der jüdischen Halakha nun darin, dass auch bei letzterer der ‚Lichtkörper‘ in ganz besonderem Maße geformt und gestärkt wird (wenn es auch freilich kaum so genannt wird in der jüdischen Tradition …). Denn durch die Verknüpfung bestimmter ritueller Körperhaltungen und -bewegungen mit ewigen Prinzipien, die sich darin ausdrücken, und durch überhaupt das allgemeine Streben, möglichst jedes Tun und Lassen in der körperlichen Welt mit ‚geistig-seelischen‘ Verhältnissen verbunden zu wissen – all dies baut mit der Zeit ein (wenn auch zunächst nur gedämpftes) Bewusstsein dieser ‚Doppelt-heit‘ auf, in der das menschliche Individuum existiert. Und je tiefer dieserlei Routinen ins Unterbewusstsein eindringen, desto kräftiger wird dieser ‚Lichtkörper‘ und das individuelle Bewusstsein von ihm. Und das ‚Gebet‘ (hier nun im jüdischen Verständnis gemeint, sei es als dreimal tägliches Amidah-Gebet, sei es aber auch besonders das ‚freie‘ Gebet, das eher anlassbezogen vollzogen wird) wird mehr und mehr zu einer ‚Astral-Reise‘ …

Und spätestens, wenn der Praktizierende dann diese Stufe der Hingabe in der täglichen Routine erreicht hat, dass es sich wie ein Aufsteigen in die ‚Wahre Welt‘ erleben lässt, kann man guten Gewissens davon sprechen, dass dieser Mensch (im biblischen Sinne) ‚aus Ägypten befreit‘ ist, das heißt, ‚aus der Knechtschaft dieser materiellen Welt‘ erlöst ist, indem er nun quasi eine neugewonnene Bewegungsfreiheit in der ’nächst-feineren‘ Ebene oberhalb (bzw. ‚jenseits‘) dieser festesten Schicht der Realität erleben darf.

2.1.2. Rosy Cross als Erleuchtung des Alltags durch zunehmenden Kontakt zur ‚Wahren Welt‘

Der Wegabschnitt, den der A.‘. A.‘. mit dem ‚Orden vom Rosenkreuz‘ bezeichnet, ist nun besonders dadurch charakterisiert, dass der Adept (und erst ab dieser Ordensabteilung wird tatsächlich vom Suchenden als einem ‚Adepten‘ gesprochen‘) von jetzt an unter der bewusten Leitung seines ‚Heiligen Schutzengels‘ agiert.

Natürlich gehört hierher in gewissem Sinne jedes Streben nach der ‚Unio Mystica‘, nach Einswerdung mit der Gottheit, mit dem Ewigen. Diese Abhandlung ist nun nicht der Ort, um auf die mannigfaltigen Ausprägungen dieses Prozesses in den unterschiedlichen religiösen Traditionen einzugehen.

Vielmehr sei hier auf den entscheidenden Punkt hingewiesen, dass bei allzu oberflächlichen Herangehensweisen an diese Thematik immer die Gefahr besteht, sich in ekstatisch-nebulöser ‚Alles-ist-Eins‘-Metaphorik zu verlieren – wobei zwar durchaus ein richtiger, ‚wahrhaftiger‘ Aspekt dieser ‚Unio Mystica‘ erlebt wird … aber der unvorbereitete Geist kann dabei die die Seele flutenden Eindrücke nicht mehr hinreichend verarbeiten, um auch die konkreten Konturen dieses Geschehens wirklich erkennen zu können, während er da so vom blendenden Licht berauscht wird.

Dann wird in der Tat keine Rede sein können vom ‚Austausch mit dem Heiligen Schutzengel‘, denn dessen Glanz wird viel zu voreilig für ‚das reine Licht Gottes‘ selbst gehalten – und es wird nicht mehr näher ‚hingesehen‘ …

Deutlich präziser stellt sich dieser Prozess demgegenüber wohl im Buddhismus dar. Dort wird ausdrücklich davon erzählt, wie es ab einem gewissen Punkt des Weges zu einem Erkennen der Wesen kommt, mit denen man bereits ‚in früheren Leben‘ konfrontiert war. Und diese Wesen lösen sich immer mehr in Kräfte und Dynamiken, in ‚Anhaftungen‘ auf, die einen durch die Äonen hindurch begleiten und das Schicksal mitbestimmen (als das ‚Karma‘). Hierbei könnte also schon deutlicher eine Parallele gezogen werden zur Terminologie von Thelema: der ‚Schutzengel‘ setzt sich zusammen aus all diesen Wesen, bzw. Kräften, die den je individuellen Weg des Einzelnen darstellen. Allerdings dürfte der genaue Umgang mit diesen Erlebnissen im Buddhismus anders geartet sein, als im Thelema-Entwurf Crowleys. Doch für nähere Untersuchung dieser Frage muss sich der Suchende an wirkliche Kenner des buddhistischen Weges wenden, zu denen der Verfasser der vorliegenden Abhandlung sicherlich nicht zu zählen ist.

In der Anthroposophie Rudolf Steiners gehört zur Methodik des Rosy Cross im Besonderen der Begriff der ‚Inspiration‘ als zweite Stufe der ‚Wahrnehmung höherer Welten‘ (siehe wiederum anthrowiki.at oder andere Quellen zu Steiners Werk).

Nun aber wollen wir zum Hauptanliegen dieser vergleichenden Betachtung kommen, zum Chassidismus. Da kommt einem, im Bezug auf den ‚Rosenkreuz‘-Orden, und auf die Leitung durch den ‚Heiligen Schutzengels‘, ein Bild aus der jüdischen Überlieferung in den Sinn – wo nämlich das mythische (dem biblischen Narrativ entnommene) Motiv der ‚Wüstenwanderung‘, die auf den ‚Auszug aus Ägypten‘ folgt, gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass ‚die Wolke des Herrn‘ das Volk Israel leitet und beschützt, während es durch ‚die Wildnis‘ (‚dieser Welt‘) zieht. Außerdem findet in dieser ‚Wüstenzeit‘ die Vergabe der ‚Thora‘, also der ‚Weisung‘ des Ewigen statt, nach der man nun endlich bewusst und zielgerichtet leben kann (und wird). Es ist also die Phase der eigentlichen ‚Erleuchtung‘, die nach dem Befreitwerden aus der Knechtschaft der materiellen Welt nun das ‚Licht‘ in jeden Winkel des Erlebens des Alltags bringt.

Das Element der jüdischen Überlieferung, das mit dieser Phase des ‚Rosenkreuzes‘ wohl am ehesten korrespondiert, ist die sogenannte ‚Kabbalah‘ im engeren Sinne, die ‚Überlieferung‘ also, die sich auf die mystischen Tiefen der Bibel und der daran anknüpfenden Erzählungen und Geschichten bezieht.

Während also schon in der vorhergeheden Phase der ‚Goldenen Morgenröte‘, anhand der ‚Halakha‘, dem geordneten Einrichten des Alltagsvollzuges und der ‚Gebetspraxis‘, der Suchende seine ‚geistige Person‘ entdeckt und gestärkt hat, sogar in Ansätzen schon die ‚Wahre Welt‘ kennenzulernen begonnen hat, die jenseits der ‚Welt der Lüge‘ unserer materiellen Raumzeit liegt, beginnt er nun, unter der Leitung ‚der Wolke in der Wüste‘, der göttlichen Einwohnung selbst, seinen Weg weiter zu gehen. Denn die ‚Kabbalah‘ im jüdischen Sinne ist nicht etwas nur theoretisches, sondern sie lehrt den Schüler den Schlüssel, alles Biblische auch in der ‚Großen Heiligen Schrift der ganzen Natur‘ wiederzufinden, diese Natur (und nicht zuletzt auch den eigenen Alltag) wie eine noch viel umfangreichere ‚Bibel‘ lesen zu können. In diesem Sinne ’spricht‘ also dann zunehmend die Schöpfung selbst, bzw. sein individuelles Schicksal mit all seinen Zufällen des Alltags, direkt zu ihm. Inwieweit er dabei dasjenige kennenlernt, was in der A.‘. A.‘.-Sprache der ‚Heilige Schutzengel‘ genannt wird, soll in einem späteren Kapitel noch untersucht werden. Hier sei zunächst nur betont, dass in einem Lebensentwurf nach der Kabbalah in diesem jüdischen Urverständnis gerade das Verschmelzen des mystischen Erlebens mit dem Alltag erreicht wird, man gerade in den alltäglichen Dingen die Tiefen des göttlichen Mysteriums zu erkennen beginnt. Eine praktische Seite, eine Art ‚Nebeneffekt‘ eigentlich, ist dann auch, dass der ‚Kabbalist‘ so eine Form von ‚Magie‘ zu beherrschen beginnt, die er allerdings niemals für egoistische Zwecke einsetzen würde, solange er sich auf dem ‚rechten Weg‘ befindet.

Und um noch einmal an den biblischen Narrativ anzuknüpfen, auf dem schon in Bezug auf den ‚Golden Dawn‘ eingegangen worden ist: Diese zweite Ordensabteilung entspräche nun eben dem Zug durch die ‚Wüste‘, und zwar genau bis an die Grenze zum ‚Gelobten Land‘, die sich im ‚Jordanfluss‘ manifestiert. In diesem Sinne könnte man denselben als Bild für den ‚Abgrund‘, den ‚Abyss‘, verstehen. Und trefflicher Weise bedeutet das Wort ‚Jordan‘ (hebräisch ‚Jarden‘) auch in etwa ‚Hinabsteigendes‘ …

2.1.3. Silver Star als letztes Aufgehen im Allesdurchdringenden, Allesumfassenden

Um nun auch auf die höchste, bzw. innerste Abteilung des ‚Ewigen Ordens‘ zu sprechen zu kommen: Während der Übergang vom ersten in den zweiten Orden mit dem Zwischengrad ‚Dominus Liminis‘ keine so gewaltige Schlucht zu überschreiten hat, sondern in erster Linie eine Harmonisierung des bisher bearbeiteten zu einem heilen Ganzen beinhaltet, handelt es sich beim Übergang vom ‚Rosenkreuz‘ in den ‚Silberstern‘ um ein dramatisches Geschehen mit dem Übergangsgrad ‚Babe of the Abyss‘, bei dem der Adept nun mit dem schon besprochenen ‚Abgrund‘ konfrontiert ist, an dem sich überhaupt entscheidet, ob der ‚Linke‘ oder der ‚Rechte Pfad‘ gegangen wird. Die endgültige ‚Trennung von Spreu und Weizen‘ also findet hier statt.

Aufgrund dieser besonderen Schwere des Geschehens bei diesem Übergang, ist dessen Beschreibung in den Bildern der jüdischen Überlieferung auch etwas komplexer.

Während nämlich die beiden ersten Abteilungen jeweils für sich genommen im Wesentlichen als Entsprechung eines bestimmten, klar umgrenzbaren, biblischen Narrativs aufgefasst werden können (‚Aufenthalt in Ägypten‘ und der Auszug aus dieser Knechtschaft für den ersten Orden; ‚Wüstenwanderungszeit‘ für den zweiten Orden), muss nun für den Silberstern schon der Prozess des Eintritts durch das Überschreiten des Abyss mit einem sehr viel komplexeren biblischen Motiv angedeutet werden. Dazu sei vorweg gestellt, dass ‚Ägypten‘ und ‚Wüstenzeit‘ der jüdischen Überlieferung nach auch dem ‚6. und 7. Schöpfungstag‘ zugeordnet werden, und dass der ‚Einzug ins Gelobte Land‘ dann den Übergang in den 8. Schöpfungstag meint, welcher eben zunächst dieses ‚Gelobte Land‘ ist. Jedoch geht, der biblischen Erzählung nach, dieses Gelobte Land dem Gottesvolk noch einmal ‚verloren‘, es wird wieder vertrieben daraus, ins Exil weggeführt. Dies entspricht einem ‚9. Schöpfungstag‘, der also geprägt ist von einem Aufenthalt im Exil, in einer Form der ‚Unterwelt‘, eines ‚Totenreiches‘. Diese ‚Unterwelt‘ aber entpuppt sich dann als ‚Gebärmutter‘, aus der heraus der ’10. Tag‘, das endgültige Erreichen der ’nächsten Ebene‘, geboren wird, wenn die Reifezeit des so gezeugten Embryos vorüber ist. Die mystische Auslegung des Bibeltextes zieht hierzu die Prphezeiungen der Prophetenliteratur heran, nach denen einst ‚alle verstreuten Kinder Israels‘ (und zwar in gewissem Sinne MITSAMT den Völkern, in denen sie weiter gereift sind, während sie unter ihnen gelebt haben) das Gelobte Land wieder erreichen. Die näheren Details zu diesem apokalyptischen Geschehen können hier nicht weiter ausgeführt werden und sind bei Interesse beispielsweise im (englischsprachigen) Buch ‚Hebrew Astrology‘ (ebenfalls frei verfügbar bei LaThalmidim.net) nachzulesen, und in den Vorträgen auf dem zu LaThalmidim.net gehörigen Youtube-Kanal (‚Jochanan Massorah‘) anzuhören.

Jedenfalls entspricht im Bezug auf die 10 Grade des ‚Ewigen Ordens‘ diesem Geschehen von ‚8., 9. und 10. Schöpfungstag‘ der Übergang vom ‚Rosenkreuz‘ in den ‚Silberstern‘, wobei also der ‚Abyss‘ dazwischen dem 9. Tag entspricht, und das Geborenwerden in den 10. Tag hinein das eigentliche Aufgenommenwerden in den ‚Wahren Inneren Orden‘ darstellt. Der weitere Weg dann ist etwas, was in letzter Konsequenz sogar noch einen ’11., 12. und letztlich den nicht mehr in menschliche Worte fassbaren 13. Schöpfungstag‘ beeinhaltet (das wären also dann die Verwirklichungen der Grade ‚Magister Templi‘, ‚Magus‘ und ‚Ipsissimus‘).

2.2. Crowleys eigener Bezug zur jüdischen Überlieferung

Am Rande ist es in den letzten Kapiteln schon zur Sprache gekommen, jetzt soll es noch einmal knapp zusammengefasst werden: Crowleys eigener ausdrücklicher Bezug zur ‚Kabbala‘ ist stets mit Vorsicht zu genießen. Er hat sicherlich einen nicht unerheblichen Einblick in Teilbereiche insbesondere des eher ‚mystischen‘ Judentums. Jedoch finden sich beispielsweise hier und da schlichtweg Fehler in seinen Schreibweisen hebräischer Wörter, die nicht auf bloße ‚Tippfehler‘ zurückzuführen sein können. Überhaupt dürfte er in die gelebte Praxis des mystischen Judentums, wie es etwa in chassidischen Kreisen gepflegt wird (und zu Crowleys Zeit vor 100 Jahren sicher noch sehr viel lebendiger anzutreffen war), nur einen sehr begrenzten Einblick gehabt haben. Es darf wohl vermutet werden, dass sich seine Kenntnisse der Materie in erster Linie über die Vermittlung des Kabbalah-Verständnisses vom Hermetic Order of the Golden Dawn ergeben haben. Dabei handelt es sich um eine etwas eigenwillige Form von Kabbalah (geschrieben üblicherweise als ‚Qabalah‘), bei der insbesondere gelegentlich der Eindruck entstehen kann, als beschränke sich ‚Kabbalah‘ allein auf den sogenannten ‚Lebensbaum‘ mit den 10 Sephiroth (was im jüdischen Verständnis zwar ein durchaus rundum anerkanntes Konzept ist, jedoch keineswegs den Großteil kabbalistischer Schriften durchzieht!).

Jedenfalls ist vor diesem Hintergrund jeder Bezug Crowleys auf die sogenannte ‚Qabalah‘ zu sehen. Im Kern sicher nicht ganz verkehrt … aber letztlich eher eine individuelle Interpretation des Ganzen, die nur noch als entfernte Wurzeln die jüdische Variante hat, inzwischen aber etwas weitgehend eigenständiges geworden ist.

Hervorzuheben ist allerdings schon, dass zumindest der zentrale Begriff von Crowleys ganzem ‚Einweihungsweg‘, der ‚Heilige Schutzengel‘, mitsamt den Methoden, in Austausch mit diesem zu treten, der jüdisch-‚kabbalistischen‘ Tradition entnommen ist, namentlich dem Buch über ‚die Heilige Magie von Abramelin dem Magier‘, von Abraham von Worms aus dem 16. Jahrhundert.

Ein weiteres Beispiel für das durchaus richtige Verständnis kabbalistischer Grundprinzipien bei Crowley findet sich in einem Zitat aus dem Book of Lies, wo auf die Zuordnung der Grade des A.‘. A.‘. zu den Sephiroth angespielt wird, sinngemäß: ‚Anwärter des Inneren Ordens sind Männer, Brüder desselben aber sind Frauen‘ … das lässt sich für einen Kenner der (jüdischen) Materie sofort so verstehen, dass die sieben Patriarchen (Abraham, Isaak, Jakob, Mose, Aaron, Josef und David) den sieben ‚unteren‘ Sephiroth zugeordnet sind, und die zwei Erzmütter (die beiden Hauptfrauen des biblischen Jakob) Rahel und Lea, der oberen Triade zugeordnet sind.

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