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4. ‚Linkshändiger Pfad‘ am Beispiel des Judentums

5. April 2020

4. ‚Linkshändiger Pfad‘ am Beispiel des Judentums und anderer Religionen

Wir wollen ein letztes Mal in dieser Abhandlung auf die ‚Schwarzen Brüder‘ zu sprechen kommen. Nachdem sie (im ersten Abschnitt des I. Teiles) in der Theorie vorgestellt worden sind, und der genaue Prozess, der zu ihrer Entstehung führt, in der Terminologie von Thelema zumindest grob umrissen worden ist (im dritten Abschnitt des I. Teiles), soll jetzt noch der Kern dieser Thematik so verallgemeinert werden, dass das Phänomen in prinzipiell allen ‚Lehrarten‘ wiedergefunden werden kann, seien es ausdrücklich ‚hierophantische‘ Kulte, seien es aber auch ’nur‘ religiös-theologische Weltanschauungen.

Speziell soll dabei der Blick wieder auf das (chassidische) Judentum gerichtet werden (ohne aber dabei auch andere Religionen ganz außer Acht zu lassen).

Die große Gefahr ist, hier wie dort, im ‚Thelemischen‘ wie im ‚Traditionell-Religiösen‘, der kritische Punkt beim Übergang zwischen 7 und 8: Schafft der große Eingeweihte/Weise es, seine eigene Tradition (samt seinem gesamten eigenen Lebensweg auf Erden) zu transzendieren, um Raum zu schaffen für das ‚von selbst geschehende‘ Neu-Geordnetwerden aller Kräfte in ihm? Oder klammert er sich an das bisher Erreichte und will diesen dem WAHREN WILLEN gemäßen Prozess der Neugestaltung seinerselbst, angesichts des klaffenden Abgrundes vor ihm, stattdessen SELBST kontrollieren??

Im Chassidismus wäre der besagte kritische Punkt (laut unserer Zuordnung zu den Graden im A.‘. A.‘., wie sie im letzten Abschnitt versucht wurde) beim Übergang von einem wirklichen ‚Rebben‘, bzw. ‚Rabbi‘, der diesen Ehrentitel auch in der Tat verdient – zu einer Art ‚weisem Sonderling‘, der zwar offensichtlich über die Erfahrungen der ‚ausgelebten‘ Überlieferung genauso verfügt, wie ein klassischer Rebbe, der aber all die ‚Privilegien‘ eines Rebbenhofes (= quasi ‚Amtssitz‘, oft mit Bediensteten und oft nicht wenig Luxus, wo der Rebbe seine ‚Chassidim‘ empfängt, wenn sie seinen Rat suchen, etc.) ablehnt, oder aufgibt, um stattdessen einen (vermutlich recht einsamen) Weg zu gehen, der scheinbar dem Judentum (oder zumindest dessen Exklusivitätsanspruch) den Rücken kehrt.

Nun muss dieser Übergang vielleicht gar nicht ‚äußerlich‘ sofort sichtbar sein. Der Rebbe mag weiter seinen Hof führen, auch nicht aktiv dagegen vorgehen, dass, dem Brauch nach, ein Sohn von ihm als sein Nachfolger aufgebaut wird (obwohl dieser vielleicht gar nicht dieselben geistigen Qualitäten wie sein Vater an den Tag legt) … und doch wird er dann in bestimmten Situationen zeigen, dass er innerlich seiner Rolle als üblicher Rebbe inzwischen entwachsen ist: er kann dann nämlich mit JEDEM Menschen über alles Wesentliche sprechen – ganz gleich, welcher geistigen, religiösen, kulturellen Sphäre der Mensch entstammt, dem er begegnet.

Was aber passiert, wenn dieser entscheidende Schritt nicht gemacht wird? Wenn also der Rebbe sich allzu sehr gefällt in der Rolle des ‚Führers‘ seines Hofstaates, und bestrebt ist, in dieser Rolle ‚auf ewig‘ zu verharren? Dann tritt ein, was Crowley in Bezug auf den 7. Grad des A.‘. A.‘. folgendermaßen ausführt (wir zitierten es schon im englischen Original): ‚Er kann nicht auf unbestimmte Zeit ein Adeptus Exemptus bleiben; er wird weiter voran getrieben durch das unwiderstehliche Moment, das er [selbst] generiert hat. Sollte er versagen, willentlich oder aus Schwäche, seine Selbst-Vernichtung absolut zu machen, so wird er nichtsdestotrotz in den Abgrund gestoßen, aber anstatt dort angenommen und im dritten Orden wieder auferbaut zu werden, als ein ‚Junges des Abgrunds‘ im Mutterleib unserer Dame BABALON, inmitten der Nacht des Pan, um aufzuwachsen als ganz Er Selbst und wahrhaftig etwas, das er zuvor nicht gewesen ist – so bleibt er im Abgrund, seine Wesensbausteine als Absonderungen um sein Ego herum sammelnd, als sei er isoliert vom Universum … und er wird, was man einen ‚Schwarzen Bruder‘ nennt.‘ (One Star in Sight)

Diese Gefahr droht dem ‚Rabbi‘ genau wie jedem anderen höheren Vertreter einer religiösen Strömung. Das Tückische, so könnte man vielleicht sagen, liegt gerade darin, dass bis zu jenem entscheidenden Punkt es wirklich nicht nötig ist, sich groß jenseits der eigenen Tradition umzuschauen, so lange man nicht mit anderen Traditionen direkt konfrontiert wird. Sicher, auch vorher schon gilt es, eine ehrliche Grundtoleranz nach Außen zu praktizieren, indem mit keinem Menschen jemals in Respektlosigkeit umgegangen werden darf. Doch diese ‚äußere Toleranz‘ aus Mitmenschenliebe bringt noch nicht mit sich, fremde Wege zum selben Ziel überhaupt nur zu vermuten. Der Mensch neigt eben natürlicherweise zunächst dazu, seine eigene Wirklichkeit als überlegen gegenüber jeder ‚fremden‘ Auffassung wahrzunehmen.

Doch ab dem Punkt, wo der ‚Lehrer‘ so etwas wie die ‚Führung eines Zweiges‘ seiner jeweiligen ‚Schule‘ innehat (was sich wohl auch nicht immer in ganz ‚formaler‘, äußerlicher Stellung zeigen muss!), und diese Führungsposition einigermaßen konsolidiert ist (sei es als ein Theologe, Pfarrer, Pastor, ‚Priester‘, Bischoff; oder als ein Guru, ein Imam, ein Lama, oder welchen Titel auch immer er sich errungen haben mag …) – ab diesem Punkt MUSS sich irgendwann der Möglichkeit geöffnet werden, dass noch VIELE andere Wege möglich sind, die zum exakt selben Ziel führen können, wie der eigene Weg. In wie weit man dann diese anderen Wege alle im Detail verstehen können muss, ist eine andere Frage. Eine gewisse Grundhaltung aber muss vorausgesetzt werden können, diese anderen Wege zumindest aufrichtig ernst zu nehmen, und danach bestrebt zu sein, die bekannten Grundmotive der eigenen Tradition mit etwas Mühe auch in jeder betrachteten Fremd-Tradition wieder zu finden.

Das ist also der ‚Abgrund‘, hier nun mal auf ‚theoretischer‘ Ebene beschrieben … denn in der Seele dessen, der bis an einen solchen Punkt auf dem Weg gekommen ist, finden hier große Umwälzungen und Turbulenzen statt (je weniger er sich bereits auf dem bisherigen Weg mit diesen Herausforderungen auseinandergesetzt hat, desto heftiger wird es ihn jetzt anfechten).

In der Konfrontation mit dem Abgrund also entstehen die wirklich Bösen in der Welt, deren gebündelte Kräfte (jenseits ihres eigenen Bewusstseins) kollektiv die ‚Widersacher-Macht‘ in der Weltgeschichte ausmachen – welche wiederum paradoxerweise durch die Entscheidungen der Weitergeschrittenen (vor allem der ‚Magi‘, bzw. ‚Davidskinder‘, in Grad 9) gelenkt werden (das sei hier einfach mal ‚behauptet‘ …).

Um es noch einmal ganz drastisch auf den Punkt zu bringen: Ab einer gewissen Wegmarke ist es NÖTIG, dass der Suchende die ewige Wahrheit sogar in einer solchen Mythologie erkennt, die aus Sicht seiner ‚Ausgangsschule‘ als schlechthinniger ‚Satanismus‘ erscheinen muss, indem ALLE für ihn dahingehend vorbelasteten Begriffe nun in einem neuen Kontext angeordnet sind, sodass sie NICHT mehr der ‚Widersacher-Dynamik‘ entsprechen, in der sie in der ‚Ausgangsschule‘ auftreten.

Crowley hat genau ein solches neues Mythologie-Gefüge für eine christlich geprägte ‚Ausgangsschule‘ geschaffen (bzw. auch in etwas reduziertem Maße für alle anderen ‚Abrahamitischen Schulen‘). An seiner ‚Lehre‘ kann daher jeder sich selbst prüfen, der die Hauptabschnitte ’seines‘ Weges unter abrahamitischen Vorzeichen bewältigt hat.

Wer aber HÄNGENBLEIBT an dieser großen Prüfung … der geht eben tragischerweise den linken Pfad.

Und bei der Begrifflichkeit einer ‚Linken Seite‘ können wir auch noch mal kurz den Blick auf die jüdische Tradition werfen. Dort ist, vor allem in den eher mystischen Schriften (‚Kabbalah‘), von der sogenannten ‚Sitra Achra‘ die Rede, von der ‚Anderen (Linken) Seite‘. Damit ist eben die ‚linke Hand Gottes‘ gemeint, die satanische Kraft in der Schöpfung, die zwar im Ganzen genommen genauso eine notwendige Hälfte des Gesamt-Gefüges ist, deren direkten Einfluss aufs eigene Leben man aber berechtigterweise scheut, und sie deshalb auch nur mit äußerster Vorsicht anspricht, um sie durch Großmäuligkeit nicht versehentlich ‚herbeizurufen‘ (daher die Formulierung ‚andere‘ Seite, anstatt ausdrücklich ‚linke‘ Seite …).

Ein Aspekt dieser Sitra Achra wird angesprochen, wenn von der Gegenseite der ‚kabbalistischen Sephiroth‘ als den ‚Qlipoth‘ gesprochen wird. Diese ‚Qlipoth‘ sind die ‚Scherben‘, hervorgegangen aus den ‚zerbrochenen Gefäßen‘, die die immense Kraft des göttlichen Lichtes nicht ertragen können, das in sie gegossen wird bei der Schöpfung. So ist in jeder einzelnen ‚Scherbe‘ (aus deren Summe die gesamte materielle Welt besteht) ein ‚Funke des göttlichen Urlichtes‘ enthalten, der durch die Arbeit des ‚Gerechten‘ befreit, ‚emporgehoben‘ wird. Doch auf diese Themen soll hier nicht im Detail eingegangen werden, es würde den Rahmen sprengen (es sei wieder einmal besonders auf Bücher und Vorträge Friedrich Weinrebs verwiesen).

Und analog zum ‚Baum des Lebens‘, der als Schema der 10 Sephiroth dargestellt wird, gibt es den ‚Baum des Todes‘, bzw. den ‚Baum der Erkenntnis von Gut und Böse‘, der sich aus der ‚Sitra Achra‘ jenes Lebensbaumes speist, sich zusammensetzt aus den jeweiligen Gegenbildern der zehn Sephiroth, eben den ‚Qlipoth‘. Diese (bzw. deren untere 7/8) werden üblicherweise auch mit den Namen der mythischen ‚Fürsten Edoms‘ benannt. Und Crowley hat diese Symbolik recht ausgiebig benutzt in seinem Entwurf eines ‚antichristlichen‘ Systems einer Mythologie für das ‚Neue Äon‘.

Aber wie heißt es in der jüdischen Überlieferung: Denke nicht, dass irgendein Vers der Thora wichtiger ist als irgendein anderer Vers … Auch die Verse über die Stammhäuser Edoms sind GENAU SO WICHTIG, wie das Schma Jissrael (= jüdisches ‚Glaubensbekenntnis‘) und die Zehn Gebote!!

!V!

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