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Ergänzungen und Fazit: … was daraus wurde

7. April 2020

Ergänzungen und Fazit: Crowley, der A.‘. A.‘. … und was daraus wurde bis heute

Um nun auch wirklich eine Art von Fazit zu ziehen, müssen noch manche Ergänzungen gemacht werden, die in den Inhalt des eigentlichen Hauptteils nicht so recht hineingepasst haben. An erster Stelle betrifft dies wohl die Person Aleister Crowleys, die nicht so einfach übergangen werden kann, wenn über seine theoretischen Ausführungen gesprochen wird. Schließlich ist er doch eine ’schillernde Persönlichkeit‘, wie man so sagt, die allein durch ihre Exzentrik und durch all das, was über ihn bekannt ist oder vermutet wird, schon einen nicht zu ignorierenden Schatten auch auf sein literarisches Werk wirft.

Zum Schluss soll dann auch noch einmal kurz der Blick auf die Besonderheiten des Crowley-Entwurfs, gerade als Methodik eines Einweihungsweges, gerichtet werden.

Und während all dem soll es, als eigentliches ‚Fazit‘, zu einer Bewertung der praktischen Konsequenzen von Crowleys Leben und Lebenswerk (auch für die ‚Weltgeschichte‘) kommen. Das umfasst dann auch die zumindest oberflächliche Betrachtung von äußerlichen Gruppierungen, die sich ausdrücklich als ‚thelemisch‘ betrachten, und von solchen, die vielleicht eher implizit auf die thelemischen Prinzipien zurückgehen.

1. Zur Person Crowleys

Die wohl für viele entscheidende Frage dürfte sein: Ist Crowley jetzt eigentlich ‚Satanist‘? Genug Zitate lassen sich schließlich finden, die das für die meisten Ohren sehr wahrscheinlich klingen lassen würden. Konkret würde die These, dass Crowley ein ‚Satanist‘ ist, wohl vor allem mit seiner deutlich artikulierten Abneigung gegen die zu seiner Zeit herrschende Auslegung (und Auslebung) der Bibel untermauert werden können. Ist dies dann schon Ausdruck eines tatsächlichen ‚Hasses‘ auf das Christentum, bzw. auf ‚die Christen‘? Hass vielleicht sogar auf den ‚wahren Gott‘ (den biblischen JHWH)?!?

Feststellbar ist sicherlich, dass Crowley gerade diese biblisch positiv konnotierte Erscheinungsform Gottes, als eines ganz vom Menschlichen abgesonderten ‚Vaters‘ aller Wesen, im Rahmen seines eigenen Symbol-Kosmos geradezu gegenteilig zeichnet, und umgekehrt häufig die nach gängiger Bibelauslegung als ‚böse‘, bzw. neutraler: als ’negativ‘ empfundenen Figuren, Konzepte und ganze ‚Mythologeme‘ als positive Elemente seiner Weltanschauung darstellt (um nur ein Beispiel zu geben: ‚There is no god but Man.‘).

Doch darf man dabei auch nicht übersehen, dass Crowley erstens grundsätzlich die ‚Provokation‘ als wichtigen Aspekt seiner (Lehr-)Methodik versteht, und dass er sich zweitens auch sehr viel differenzierter mit Konzepten wie ‚Satan‘, ‚JHWH‘ (bzw. ‚Adonai‘), ‚Jesus‘, dem ‚Christus‘ und vielen weiteren Begrifflichkeiten der biblischen Gedankenwelt auseinandersetzt, als sie einfach nur schwarz-weiß in ‚böse‘ und ‚gut‘ einzuteilen (siehe etwa ‚The Gospel according to Saint Bernard Shaw‘, Crowleys sehr ausführliche Kommentierung des Werkes ‚Androcles and the Lion‚ von George Bernard Shaw, aber auch viele Stellen in anderen Werken, vermehrt zum Beispiel im Spätwerk ‚Magick without Tears‘).

Und schon in seiner ‚Grundsatzerklärung‘ zum A.‘. A.‘. (die zu Anfang der ersten Hälfte des Hauptteils dieser Abhandlung ausführlich zitiert wurde) finden sich einige Passagen, die sich sehr wohl so verstehen lassen, dass Crowley als ‚Obermeister‘ des wahren ‚Inneren Ordens‘ Jesus Christus betrachtet, ‚den Weg, die Wahrheit und das Leben‘, das ‚Licht der Lichter‘. Auch, wenn er dabei den Namen ‚Jesus Christus‘ vermeidet, und überhaupt in seinem Gesamtwerk recht scharf trennt zwischen ‚Jesus‘ als verklärtem Bild der profanen Christenheit und ‚Jesus‘ (bzw. Jeheschua, wie er ihn auf Hebräisch nennt) als dem ‚großen Magier‘, der vor rund zwei Jahrtausenden das Äon des Osiris eingeleitet hat (und den er gelegentlich übrigens auch mit ‚Satan im positiven Sinne‘ identifiziert …). Und ebenfalls betrachtet er ‚Christus‘ nicht einfach als eine Art ‚Nachnamen‘ des biblischen Jesus, sondern als Titel, bzw. als eine in der Welt durch den Menschen wirkende göttliche Kraft (so, wie es ja EIGENTLICH auch dem Bibeltext zu entnehmen ist; die Deutung als ‚Nachname Jesu‘ ist ja eine völlig entartete Verständnisweise, tauchen doch in der Bibel schon im Alten Testament mehrere ‚Christusse‘, nämlich ‚Gesalbte des Herrn‘ auf …).

Dennoch sei es jedem unbenommen, der Crowley als ‚Satanisten‘ betrachten will … schließlich betrachtet Crowley seinerseits ‚den Satan (im positiven Sinne)‘ als den großen ‚Einweiher‘ unter den Himmlischen Heerscharen, der ja zum Beispiel auch einen Hiob zur höheren Einsicht in das Wesen Gottes zu führen vermag (auf Befehl Gottes hin, wohlgemerkt). Und indem Crowley selbst auch als ‚Einweiher‘ versucht in der Welt zu wirken, dazu noch eine so provokante Art an den Tag legt … kann man ihn wohl durchaus als ‚Agenten Satans‘ verstehen. Aber ist DIESE Art von ‚Satanist‘ wirklich das, was sich gemeinhin unter dem Begriff vorgestellt wird?

Vielmehr entspricht wohl dem Bild des ‚Satans-Verehrer‘ noch dasjenige, was gewisse Aspekte der Lebensführung Crowleys zeigen, sofern man den heute verfügbaren Überlieferungen zu seinem Lebenslauf trauen kann (sowohl seine eigenen ‚Confessions‘ betreffend, als auch die Biographien über ihn aus fremder Feder …). Wir werden noch auf diesen Lebenswandel zurückkommen.

Aber zum Schluss dieser Anfangsüberlegungen mal eine (rhetorische) Frage an alle fundamentalistischen ‚Christen‘: Crowley hat sich ja bekanntermaßen ganz offen als ‚Antichrist‘ (bzw. als ‚the BEAST 666‘) bezeichnet – ist denn nach der üblichen Bibelauslegung der Antichrist dafür bekannt, sich OFFEN als derselbe zu präsentieren?!

Doch wir wollen zu einer weiteren Schattierung dieses Eingangsthemas übergehen. Eine mit alldem Obigen zusammenhängende Frage könnte dann nämlich noch sein: Ist Crowley zumindest der ‚Begründer‘ eines sogenannten ‚Neo-Satanismus‘?

Zweifellos hat Crowleys Tun weite Kreise gezogen, und bis heute gibt es Gruppen, die sich auf ihn (oder auf ihr jeweiliges Bild, das sie von ihm haben) berufen, oder sich zumindest indirekt auf sein Werk beziehen. Es hat sich also einiges entwickelt aus dem, was Aleister Crowley hinterlassen hat, mit seinen Schriften, mit seinem Lebenswandel.

Diese Entwicklungen allerdings sind nicht so ohne weiteres ‚historisch-kritisch‘ zu untersuchen, weil sich der Ideentransfer eher unsichtbar (und häufigenfalls gar nicht bewusst und gezielt) vollzieht, und die Ideen dabei auch des Öfteren mehr oder weniger verzerrt weitergegeben werden.

So kann man zwar klar konstatieren, dass Crowleys Gedankenwelt ‚irgendwie‘ fortgelebt hat – und natürlich auch in selbsterklärt ’satanistischen‘ Kreisen … aber wieviel er selbst davon hat steuern können, und was genau das heutige Ergebnis davon ist, dürfte schwer festzustellen sein.

Schauen wir aber mal auf einige öffentlich zugängliche Informationen zu Gruppen, die sich heute auf Crowley berufen. Stichpunkte sollten reichen, um bei Interesse an mehr Tiefe selbst weiter zu suchen.

Da ist zunächst die ‚Erste‘ von diesen ‚Gruppen‘, der eigentliche A.‘. A.‘.: Crowley und George Cecil Jones sind dessen Gründer im Jahr 1907 (The Equinox-Zeitschrift als wichtigste Quelle zu den geistigen Inhalten).

Eine Auswahl an heutigen ‚Ablegern‘ davon ist mit folgenden Namen von Personen assoziiert:

J.D.Gunther (dies die vom O.T.O. ‚offiziell anerkannte‘ Linie, benutzt ein Londoner Postfach, das wohl schon Crowley genutzt hat)

J.Eshelman (äußert sich z. B. in Internetforen zu Thelema, vertritt eher eine ‚Religion Thelema‘, als wirklich einen Orden)

D.Shoemaker (hauptberuflich Psychologe; sein Living Thelema Podcast ist z. B. bei Youtube zu finden)

Apropos Youtube: ein sehr empfehlenswerter Vortrag von einem gewissen Joshua Adam Sharp trägt den Titel ‚The Principle of Satan in Thelema‘ (siehe Youtube); für den, der ein bisschen systematischer die Satans-Thematik bei Crowley analysiert bekommen will.

Und um auch mal eine kritische Sicht auf ‚offizielle Ableger‘ des A.‘. A.‘. zu sehen, sei hier der Hinweis auf G. M. Kelly gegeben (einfach mal googlen).

Nur als Randnotiz: Gerade im deutschsprachigen Raum sind dem Verfasser keine selberklärten Thelemischen Gemeinschaften und/oder ‚Kirchen‘ bekannt, die auch nur ansatzweise verdient hätten, hier erwähnt zu werden. Aber das ist freilich eine ‚Privatmeinung‘ und es möge jeder für sich selbst entscheiden, ob dieser Standpunkt gerechtfertigt ist, falls er mal über eine deutschländische Ausformung des Thelemischen stolpert …

Nicht unterschlagen werden soll die ‚Gnostisch Katholische Kirche‘, als eine Art ‚öffentlicher(er) Arm‘ des Ordo Templi Orientis (… auf welchen wir gleich noch kommen wollen); die für diese ‚Kirche‘ zentrale ‚Gnostische Messe‘ (Ritualtext veröffentlicht in Liber XV von Crowley) ist zumindest mal ein Überfliegen wert für jeden, der Ansätze einer Neugierde empfindet.

Nun müssen also wohl auch wenige Worte gesagt werden zum Verhältnis des A.‘. A.‘. zum O.T.O.

Der ‚Ordo Templi Orientis‘ ist als klassische Bruderschaft mit Ritualen und Logenhäusern aufgebaut (gelegentlich in Privaträumen improvisiert, vor allem außerhalb der USA, wo weniger Mitglieder und weniger Geldmittel vorhanden sind). Dadurch herrscht hier naturbedingt eine viel größere Gefahr, ‚politisch‘ (im weitesten Sinne des Wortes) instrumentalisiert zu werden. Dennoch könnte auch diese Ausprägung ‚Crowleyanischer Mysterienschulung‘ einen fruchtbaren Grund für den eigenen Weg bieten (aber, als Außenstehender ist das bei einem geschlossenen Orden freilich nicht endgültig abzuschätzen). Auffällig ist jedenfalls, dass die meisten (wenn nicht sogar alle) nennenswerten äußeren Formen des A.‘. A.‘. zumindest in der Führungsebene auch O.T.O.-Mitglieder beherbergen. Wie schon zu Crowleys Zeiten ist also eine deutliche Allianz der beiden Systeme festzustellen – leicht dadurch zu erklären, dass Crowley den O.T.O. quasi ‚übernommen‘ hat; spätestens ab dem Punkt, nachdem Reuss (der Gründer) verstorben war.

Ein Kaninchenbau, der hier nicht weiter betreten werden kann, der aber gegebenenfalls seeehr tief führt, ist beim O.T.O. die Personalie des ‚Raketenwissenschaftlers‘ Jack Parsons (und damit einhergehend auch dessen Bekanntschaft mit dem Scientology-Gründer L. Ron Hubbard). Wer hier weiter forschen will, wird über Internetrecherche manche ‚These‘ finden – Stichworte wie ‚Roswell‘, ‚Grey-Aliens‘ und die ‚Hunde-Wesen (von Sirius)‘ werden dabei allerdings nicht zu vermeiden sein …

Um aber wieder zur Frage zurückzukommen, ob Crowley den ‚Neo-Satanismus‘ gegründet habe: Zweifellos berufen sich auch viele ‚moderne (ausdrückliche) Satanisten‘ auf Crowley. Zu nennen wäre hier vor allem die ‚Church of Satan‘ von Anton Szandor Lavey, die allerdings Internet-Recherchen zufolge nicht einmal ansatzweise an die Tiefen des Crowley’schen Schriftwerkes heranreicht, sondern kaum mehr als ein materialistischer Sozial-Darwinismus zu sein scheint.

Und wer ‚Neo-Paganismus‘ als eine Art Satanismus betrachtet, wird im ‚Wicca‘, wie es von Gardner etabliert worden ist, auch die Einflüsse Crowleys feststellen können (standen Crowley und Gardner doch zumindest in Kontakt).

Aber in keinem Fall, außer im Fall des Ordo Templi Orientis (O.T.O.), kann Crowley selbst ein wirklicher ‚Vorwurf‘ für die jeweilige heutige Ausprägung gemacht werden – wenn sich auch noch so oft und laut auf ihn berufen werden mag. Es sei denn, man macht auch Mohammed einen Vorwurd für Malcolm X, oder Mose einen Vorwurf für die Irgun-Terroristen, oder Zarathustra einen Vorwurf für Nietzsche, oder Nietzsche einen Vorwurf für die Nazis. Oder Zarathustra einen Vorwurf für die Nazis … Oder, Gott behüte, Jesus einen Vorwurf für den Papst.

Der O.T.O. dagegen, den Crowley schließlich fundamental geprägt hat, kann wohl nicht ganz so einfach als ’satanistisch‘ klassifiziert werden, wie eine ‚Church of Satan‘ (wenn auch natürlich es jedem frei steht, es dennoch zu tun …). Bei diesem Orden handelt es sich in erster Linie tatsächlich um den Versuch, das ‚Thelema‘-Prinzip in einer klassischen ‚Bruder- und Schwesternschaft‘ auszuleben. Was dort dann genau intern vonstatten geht, kann freilich von außen nicht wirklich gesehen werden. Aber es ist davon auszugehen, dass es, wie in jeder Institution in der Welt, mehr und mehr in die Entartung abdriftet … Was aber nicht heißen soll, dass nicht dennoch auch immer eine Minderheit von vorbildlichen Vertretern in diesen Kreisen anzutreffen sein kann.

Einen nicht zu übersehenden Einfluss hat Crowley auf die abendländische Variante sogenannter ‚Sex Magick‘. Oben im fünften Abschnitt der zweiten Hauptteils ist einiges grundsätzliches zu dem Thema gesagt worden, aber noch nicht viel auf Crowleys eigene Praktiken eingegangen worden.

Und hier ist auch nicht alles so klar nachforschbar. Sicher, in seinen Schriften kann man stellenweise einigermaßen deutlich nachlesen, was er theoretisch zum Thema Sex Magick zu sagen hatte. Aber was davon und in welcher Weise er es tatsächlich umgesetzt, also ‚ausgelebt‘ hat … das ist schon weit weniger leicht nachzulesen. Sicher, auch hier gibt es die ‚Magischen Tagebücher‘ von solchen ‚Arbeiten‘, wie die ‚Paris Workings‘. Und allein in solchen Notizen finden sich Beschreibungen, die für die meisten ’normalen‘ Menschen wohl regelrecht erschreckend sein dürften, von wilden ‚Perversitäten‘ kündend. Und gegen diese Reaktion soll hier sicher kein Einspruch eingelegt werden. Aber die entscheidende Frage aus Sicht des hier Schreibenden ist vor dem Hintergrund der ‚Satanismus-Anklagen‘ gegen Crowley vielmehr, ob bei solchen Praktiken Menschen (oder andere Wesen) ‚zu Schaden‘ kommen, ob Zwang eingesetzt wird und/oder in irgendeiner Weise ‚böse Ziele‘ damit verfolgt werden.

Nicht ausklammern wollen wir, dass gewisse Kreise heutzutage sich direkt oder wenigstens indirekt auf Crowleys ‚Sex Magick‘ berufen oder zu berufen scheinen. Namen von Personen sollen hier nicht weiter genannt werden … denn diese Abhandlung soll kein (offener) Angriff auf irgendwelche selbsternannten ‚Menschheits-Eliten‘ sein … Aber die Stichwörter ‚Spirit Cooking‘ und ‚Adrenochrom‘ seien doch einmal ausdrücklich mit derjenigen Form von ‚Sex Magick‘ in Verbindung gebracht, die recht eindeutig zu egomanischen Zwecken missbraucht wird, und keineswegs das ‚Große Werk‘ im Sinne von Crowleys Schriften oder überhaupt im Sinne der Mysterientradition zum Ziel zu haben scheint.

Jedem steht es (abhängig von einer evt. zum jeweiligen Zeitpunkt herrschenden Internetzensur) mehr oder weniger frei, zu diesem Thema selbst weitere Recherchen anzustellen.

Etwas konkreter können wir noch werden, wo es um die breitere Entwicklung der (westlichen) Gesellschaft nach Crowley geht.

Ohne bestimmte Tendenzen ALLEIN auf Crowley zurückführen zu wollen, sei doch vor allem im Bezug auf das, was man die ’68er‘ nennt, ein nicht zu leugnender Bezug behauptet.

Und zwar ist dabei gerade jener Aspekt dieser ‚aufbegehrenden Generation‘, den man unter dem Schlagwort ‚Freie Liebe‘ kennt, derjenige, wo die Rückbezüge auf Crowley überaus deutlich sind, teilweise auch ganz offen kommuniziert wurden und werden, und sich auch zum Beispiel in (im Grunde allen) Formen der Unterhaltungsindustrie (bis heute) sehr aggressiv ausdrücken.

Zunächst sei dabei nicht übersehen, dass durchaus auch positive Dinge darin gesehen werden können, insoweit zum Beispiel Heuchelei angeprangert wird und Hass auf Menschengruppen gedämpft wird. Aber der Fokus unserer kurzen Betrachtung hier sei dennoch auf die eher negativen Tendenzen gerichtet, die man in erster Linie als eine ‚Entartung der Sexualität und Erotik‘ bezeichnen kann.

Diese nun aufzuzählen wäre müßig; ein jeder kann sich selbst ein Bild machen. Das Konkrete, was da aufgezählt werden könnte, sind ohnehin immer nur die Symptome; die eigentliche Krankheit aber ist etwas, das eigentlich gar nicht durch die Schriften Crowleys begründet werden kann. Nämlich, dass Erotik in dieser ’neuen Zeit‘ tendentiell stattfindet als ein Mittel zu bloßem ‚Rausch‘ auf der einen Seite, und als eine Art ’soziales Status-Symbol‘ auf der anderen Seite. Kurzum: es herrscht das genaue Gegenteil eines bewussten Umgangs mit Erotik als etwas dem Heiligen zugehöriges, wie es von Crowley propagiert wird (… wenn auch bei ihm in oft fragwürdigen Ausdrucksformen).

Trotzdem, man kann eine gewisse Kausalkette ausmachen, die von Crowleys exzentrischen Auslassungen zur Sexualität und Erotik (inklusive den Berichten über seine Art des Auslebens dieser theoretischen Ideen zur Sexualmagie) über Esoteriker in seinem Bekanntenkreis (Gardner) und solche in seiner (mehr oder weniger direkten) Nachfolge (Motta), bis hin zu den Popkulturellen Ikonen der ’68er‘-Zeit (Beatles) verläuft. Und zwar durchzieht diese Kausalkette dabei durchaus verschiedenste Subkulturen, lässt sich genauso in einem ‚flower-power-Hippie‘-Umfeld antreffen, wie in Satan-Symbolik-verherrlichenden ‚Rock-‚ und ‚Metal-‚Gruppen. Insofern kann also Crowley eine gewisse ‚Schuld‘ für diese Entwicklung mitzugesprochen werden, ob er es bewusst so gewollt hat, oder nicht. Und es gibt in der Tat Behauptungen, die unterstellen, Crowley habe ausdrücklich diese Gesellschaftszustände als nötig für das ‚Neue Äon‘ herbeigewünscht. Doch auch hierbei sollte man nicht vergessen, dass diese Zustände nicht bedeuten, dass der einzelne Mensch zu irgendwelchen Abartigkeiten GEZWUNGEN wird … sie werden dem Menschen nur ‚freigestellt‘, ihm angeboten, natürlich dadurch auch als ‚Verführung‘ vor die Nase gehalten. Aber die Wahl hat der Mensch immer noch. Und vielleicht hat der Mensch eben erst DURCH diese immens erweiterte soziale Duldung von Praktiken und Verhaltensweisen auch wirklich eine FREIE Wahl.

Und … was wäre, wenn derselbe Weg gegangen worden wäre von unserer Gesellschaft, OHNE dabei jedoch ein Werk wie dasjenige Crowleys im Hintergrund zu haben? Dort schließlich KANN jeder auch die konstruktiven Seiten jener Freiheit finden, wenn er sie sucht … Dort KANN er aus dem Rausch der Erotik wieder befreit werden, indem er diese Kraftquelle menschlichen Lebens wieder als etwas HEILIGES entdeckt, und sie entsprechend zu würdigen sich vornimmt.

Was Crowleys wahre Motive bei all seinem Tun waren, weiß (höchstens) er selbst. Und nur er selbst kann dafür ‚zur Rechenschaft gezogen‘ werden. Für alle anderen ist nur wichtig, wie man selbst im Leben handelt … auch im Bezug auf die Gesellschaftszustände natürlich – ob diese Zustände nun ‚von Crowley herbeigeführt‘ worden sind, oder auch nicht. Und was die Motive, Worte und Taten eines jeden anderen Mitmenschen (also auch eines Crowley) angeht, sei nur jedem ans Herz gelegt, so lange wie möglich das Beste zu unterstellen und das Gute auch im scheinbar Schlechten und Bösen noch zu suchen.

Doch um nun auch noch ein wenig den fragwürdigen Lebenswandel Crowleys zu beurteilen, sollen exemplarisch drei bekannte Vorurteile zu ihm etwas näher auf ihre Berechtigung untersucht werden.

Crowley, der ‚Frauenhasser‘

Aleister Crowley hat wahrlich viel dafür getan, gemeinhin als frauenverachtender Chauvinist zu gelten. Nicht wenige Zitate ließen sich anführen, diese Charakterisierung zu untermauern. Aaaaber: Angesichts der Tatsache, dass er allgemein zu drastischer und möglichst provokativer Ausdrucksweise neigt, könnte man derartige Aussagen auch einmal symbolisch deuten, und zum Beispiel folgendes Zitat als Beleg für diese doch etwas tiefergehende Sichtweise auf ‚das Weibliche‘ heranziehen: ‚A male star is built up from the centre outwards; a female from the circumference inwards. This is what is meant when we say that woman has no soul. It explains fully the difference between the sexes.‘ (Book 4, 18, II)

Vor diesem Hintergrund also reihen sich vermeintliche Geringschätzungen des Weiblichen ein in alte Traditionen, die sich etwa auch im Judentum und im Christentum niederschlagen als Formulierungen wie ‚Die Stimme der Frau ist Unzucht‘ (Judentum) und ‚Die Frau soll in der Gemeinde schweigen‘. Solche Dinge sind (in erster Linie) als BILDER zu verstehen, nicht als Bezugnahmen auf das biologische Geschlecht konkreter Menschen. Die Wurzel dieser Ausdrucksweisen ist die Zuordnung von Männlich und Weiblich zur Komplementarität von Innen und Außen (wie ja auch in dem Crowley-Zitat deutlich ausgesprochen), von ‚Geist‘ und ‚Materie‘. Dass ‚die Frau schweigen soll‘, weil ‚ihre Stimme Unzucht‘ ist, meint demnach, dass das Äußere uns nicht mit seinem Glanz blenden, uns nicht vom Inneren ablenken soll. Übrigens findet sich diese zuordnung von ‚Mann = Innen‘ und ‚Frau = Außen‘ wohl auch in der alten indischen Tradition (zumindest laut Wikipedia) – was schlicht daran liegen dürfte, dass auch die ganz ‚handfeste‘, physiologische Ebene der Existenz jene Komplementarität von männlich-weiblich als innen-außen zeigt, wenn sich nämlich beide Geschlechter in produktivem Sinne ‚verbinden‘ …

Crowley, der ‚Sodomit‘

Dass Crowley einen offen bisexuellen Lebenswandel gepflegt hat, ist nicht zu leugnen. Und auch, dass er überhaupt in jeder Hinsicht die Grenzen des ’sozial Akzeptierten‘ infrage gestellt hat, allen Devianzen und Perversitäten ganz grundsätzlich eine gewisse Berechtigung für die Methodik seines magischen Weges zuerkannt hat, ist kein Geheimnis.

Doch liegt der Fokus vielleicht ja wirklich gerade auf letzterem: Dass das Überschreiten von Grenzen in diesem so symbolisch-wertvollen Lebensbereich für ihn schlichtweg ein potentes Instrument war, das Bewusstsein der Beteiligten zu erweitern. Das kann man selbstverständlich sehr kritisch sehen – aber es ist dennoch unbestreitbar etwas anderes, als einfach nur blind seinen ‚abartigen Trieben‘ zu folgen, womöglich noch ohne Rücksicht auf das Wohl der anderen (beteiligten oder auch unbeteiligten) Menschen. Unterstellen könnte man Crowley also höchstens noch, dass er all seine theoretischen Überlegungen zu diesem Thema als bloße Entschuldigungsstrategie missbraucht, seinen Lüsten nach Belieben frönen zu können.

Jedenfalls kann man seine Aussagen zu dem Thema und ebenso seine Berichte vom praktischen Umsetzen seiner Vorstellungen auch einfach als Lehrinhalte begreifen, und für sich selbst individuell entscheiden, was daran wertvoll und was wertlos ist.

Oder um es mal drastisch-bildhaft auszudrücken: Niemand muss sich homoerotischen Ekstasen hingeben oder seinen Gastgebern ins Treppenhaus defäkieren, um Crowleys ‚Weg‘ gehen zu können, bzw. sich Teile von Crowleys Instrumentarium anzueignen …

Er soll übrigens mal als seine Grundmaxime in Bezug auf Sexualität geäußert haben: ‚Jede sexuelle (bzw. erotische) Abweichung vom natürlich-animalischen Zeugungsakt ist ein Ausdruck des Magischen Willens‘ … und somit in erster Linie eine BOTSCHAFT an denjenigen, der diese Abweichungen in oder an sich als Neigung erkennt. Nebenbei: das Wort für ‚Botschaft‘ im Hebräischen ist von der selben Wurzel abgeleitet (gelegentlich sogar exakt identisch geschrieben) wie das Wort für ‚Fleisch‘.

Crowley, der Praktizierende von ‚Blutigen Opferritualen‘

Wer von Crowley nur mal hier und da was gehört hat … der dürfte sehr wahrscheinlich den Eindruck gewonnen haben, dass dieser wahnsinnige Satanist mal MINDESTENS grausam-blutige Tieropfer praktiziert hat – wenn nicht sogar Menschenopfer!! … solche Mutmaßungen tauchten schon zu Crowleys Lebzeiten wohl auch in der ein oder anderen Tageszeitung auf.

Doch was hat es wirklich mit diesen Anschuldigungen auf sich? Wir haben ja inzwischen klargestellt, dass die ‚Provokation‘ mit einem schockierenden Nimbus um seine Person bei Crowley geradezu zu einer Methodik erhoben worden ist. Versucht man dann aber nach dem ersten ‚Schock‘ wirklich einmal in die Fakten zu schauen, so findet man vor allem zwei Kategorien von Hinweisen auf das Thema ‚Opferungen‘: Textzitate theoretischer Natur in Crowleys Schriften, sowie Aussagen von Wegbegleitern Crowleys (speziell die ‚Abtei Thelema‘ betreffend) und von Crowley selbst zu tatsächlich ausgeführten Ritualen mit Elementen von ‚Opferung‘.

Vorneweg: Letztere sind bei Crowley selbst sehr selten anzutreffen, dem hier Schreibenden ist nur eine ausdrückliche Geschichte bekannt (Stichwort ‚Frosch‘), auf die gleich kurz eingegangen werden soll. In Berichten von Wegbegleitern Crowleys wird tatsächlich gelegentlich auch von (mehr oder weniger regelmäßigen) (Klein-)Tieropferungen gesprochen. Doch ob diese Berichte authentisch sind, oder doch eher verleumderischer Natur, aus welchen Gründen auch immer, ist heute schwer festzustellen. Es gibt jedenfalls Hinweise auf letzteres. Doch um der Auseinandersetzung willen, gehen wir nun für unsere Zwecke einfach mal davon aus, dass Tieropferungen tatsächlich stattgefunden haben, und zwar auf eine solche Art, wie sie aus Crowleys theoretischen Schriften zu dem Thema auch zu erklären wären.

Dann handelt es sich um Tiertötungen, die entweder durch einen gezielten Stich ins Herz, oder durch ein Durchtrennen der Halsschlagader zu einem sehr schnellen Tod führen – und keineswegs dürfte es dabei zu Qualen seitens des Tieres kommen, geschweige denn zu gezielter Folterung, Gott behüte!

Crowleys eigene Worte mögen einen Eindruck vermitteln:

‚But the bloody sacrifice, though more dangerous, is more efficacious [als ein Ersetzen des Blutes durch ein Räucheropfer, also ‚Pflanze‘ statt ‚Tier‘; vgl. auch Kain und Abel]; and for nearly all purposes human sacrifice is the best. The truly great Magician will be able to use his own blood, or possibly that of a disciple, and that without sacrificing the physical life irrevocably. [hierbei weist eine Fußnote ausdrücklich darauf hin, dass Crowley zwar im Prinzip der Meinung ist, dass der tatsächliche Tod des Geopferten die allerhöchste Form eines ‚Blutopfers‘ ist, dass er selbst aber niemals einen Menschen im physischen Sinne getötet habe, und dass dieses ‚Töten‘ beim Magier ohnehin eigentlich auf das Vernichten des Egos zu beziehen ist]‘

‚The method of killing is practically uniform. The animal should be stabbed to the heart, or its throat severed, in either case by the knife. All other methods of killing are less efficacious; even in the case of Crucifixion death is given by stabbing.‘

‚The victim must be in perfect health — or its energy may be as it were poisoned. It must also not be too large: the amount of energy disengaged is almost unimaginably great, and out of all anticipated proportion to the strength of the animal. Consequently, the Magician may easily be overwhelmed and obsessed by the force which he has let loose; it will then probably manifest itself in its lowest and most objectionable form.‘

‚If you are easily disturbed or alarmed, or if you have not yet overcome the tendency of the mind to wander, it is not advisable for you to perform the “Bloody Sacrifice”.‘ (alle Zitate aus Magick in Theory and Practice, Kapitel 12)

Und nun vergleiche man einmal diese Grundbedingungen eines ‚Magischen Opfers‘ mit den Tierschlachtungen der Nahrungsmittelindustrie … Werden dabei wohl die freiwerdenden Energien im rechten Sinne behandelt?! Was sagt das über den ‚Vergiftungsgrad‘ all des (Supermarkt-)Fleisches aus, das man uns als ‚Speise‘ vorsetzt!?

Ein einziges Beispiel ist dem hier Schreibenden bekannt, wo Crowley im Detail eine solche tatsächlich durchgeführte Opferung (eines Tieres) beschreibt. Dabei handelt es sich um einen Frosch, dem er die vielleicht zweifelhafte ‚Ehre‘ des sterbenden Osiris zukommen lässt, namentlich in Gestalt der Symbolik der Kreuzigung Jesu von Nazareth.

Sicherlich wundert es niemanden, wenn die allermeisten Menschen diese Aktion als grausame Barbarei betrachten … Doch versichert Crowley zumindest, den Frosch VOR der Kreuzigung mit einem Stich ins Herz weitgehend schmerzlos getötet zu haben. Und das Wesentliche bei dem Ritual ist schließlich dessen Bedeutung als Zelebrierung des ‚Übergangs in ein neues Äon‘, und nicht etwa die scheinbare Blasphemie an ‚Jesus‘, oder gar das sadistische Quälen eines Frosches. Man halte also davon, was man will … doch wird wohl kaum ein Frosch, der einen mehr oder weniger natürlichen Tod in ‚freier Wildbahn‘ stirbt, auch nur ansatzweise die gleiche Ehrerbietung durch den Menschen erfahren, wie jener Gekreuzigte. Und wiederum: Ist es besser, wenn massenweise Froschschenkel als ‚Delikatesse‘ verspeist werden?! Der Mensch nimmt sich des Frosches an, auf die ein oder andere Weise, integriert dieses Wesen in die Ganzheit des Menschen hinein, es so mitnehmend auf die Reise zurück in die Ewige Heimat.

Verschwiegen werden soll hier nicht das wohl berüchtigteste Zitat in dieser Thematik:

‚For the highest spiritual working one must accordingly choose that victim which contains the greatest and purest force. A male child of perfect innocence and high intelligence is the most satisfactory and suitable victim.‘ (ebenfalls Kapitel 12 des besagten Buches)

nun, angesichts der Vermutung, dass Crowley niemals so etwas im phyischen Sinne ausgeführt hat, kann man entweder unterstellen, dass es einfach eine kalt-analytische Beschreibung von Möglichkeiten ist (und so wirkt eigentlich der Großteil des ganzen Buches, aus dem das Zitat stammt; eine Art objektive Anleitung, ‚jenseits von Gut und Böse‘, ohne jede Handlungsempfehlung ‚moralischer Natur‘ dabei) – oder, dass es sich grundsätzlich um eine SYMBOLISCHE Beschreibung handelt, die auf das höchste Opfer IN EINEM SELBST hinweist, bei dem der Einzelne bereit ist, in sich sogar die ‚Frucht‘ seines ureigenen Seins hinzugeben (vgl. die ‚Bindung Isaaks‘ durch den Vater Abraham in Genesis 22).

Doch weiter im Thema … Von Wegbegleitern wurde hin und wieder auch der Vorwurf erhoben, Crowley habe sich ‚brutal‘ gegenüber seinen Schülern und Zöglingen verhalten … Daher noch kurz etwas zu diesem ‚brutalen Verhalten‘ gegenüber Schülern: Verfolgt man diese allgemeinen Anschuldigungen, findet man als konkrete Beispiele zum Beispiel ‚Lehrmethoden‘, wie: ‚Ritze dir immer mit einer Rasierklinge ein wenig ins Handgelenk, wenn du dich dabei ertappst, das Wort ‚ich‘ gebraucht zu haben!‘ … es handelt sich also um eine (wenn auch drastische) Übung, sich seines Sprechens bewusst zu werden, und seine Sprache (und damit einhergehend auch sein Denken) zu kontrollieren. Heutige ‚Thelemiten‘ haben diese Technik ‚entschärft‘, indem sie statt dem Ritzen einfach ein Gummiband ums Handgelenk tragen, was sie bei Bedarf spannen und zurückschnellen lassen. Jeder entscheide selbst, ob man für solche ‚Lehrmethoden‘ ein ‚brutales Verhalten‘ gegenüber seinen Schülern nachgesagt bekommen muss. Es sollte ja jedem ‚Schüler‘ freistehen, sich einen anderen ‚Lehrer‘ zu suchen.

Crowley als ‚Black Brother‘?!

Nun auch noch mal deutlich zur Frage, die wohl jedem auf der Zunge liegt, der sich mit Crowley von dieser oder jener Seite befasst, und der im Laufe des Studiums seiner Gedankenwelt auch das Konzept des ‚Black Brothers‘ kennengelernt hat: Ist Crowley selbst etwa ein ‚Black Brother‘?

Vieles kann als darauf hindeutend interpretiert werden, zweifellos. Und dennoch lässt sich aus Sicht des hier Schreibenden nicht sagen, dass man Crowley eindeutig grausamer Verbechen beschuldigen kann. Und sein Inneres zu sehen vermag niemand, als nur sein Schöpfer. Überlassen wir es also vielleicht dem Ewigen allein, zu entscheiden und zu URTEILEN. Wir Menschen aber BE-urteilen nur, inwieweit wir aus irgendetwas, das uns in der Welt entgegentritt, einen Wert, oder besser: Bereicherung für unser eigenes Leben beziehen können.

Wollten wir wirklich eine klare Antwort auf die Frage, ob Crowley ‚böse‘ ist, wollten wir sicherlich auch noch klare Antworten auf viele, viele weitere Fragen. Aber welche Antworten könnten wir erwarten?

Ist George Bush Senior der Enkel von Crowley? Vielleicht. Ist Angela Merkel die Tochter von Adolf Hitler, und ist sie zudem eine Jugendfreundin sowohl von Theresa May, als auch von der litauischen Statschefin mit dem unaussprechlichen Namen? Vielleicht. Sind Marc Zuckerberg, Glen Greenwald und Edward Snowden Cousins, und ist Zuckerberg außerdem ein Enkel von Rockefeller? Vielleicht. Was weiß man. Jedenfalls hat jeder und jede von uns, bei allem ‚Baggage‘ unserer jeweiligen Herkunft, jeden Tag wieder die Wahl, zu tun, was er oder sie für richtig hält. Und auch, wer über eine seiner Ahnenlinien von Kinderblutopfer-praktizierendem wallonischem Klein-Adel des ausgehenden Mittelalters abstammt, hat vielleicht in einer anderen Linie den König David als Vorfahren. Oder gar in der selben Linie.

Crowley und seine ‚mystische Bildung‘

Und eins noch: Bei allem Respekt für Crowleys Gesamtwerk – sein Verständnis von ‚Kabbalah‘, bzw. was er die ‚Sacred Qabalah‘ nennt, ist doch recht bescheiden, wie übrigens jeder Hebräischkundige mit etwas Fleiß leicht nachweisen kann, und wie es insbesondere jeder ‚praktizierende‘ Jude mit chassidischem Hintergrund fast auf den ersten Blick erkennen würde. Diese Bewertung gilt zumindest solange, wie man unter ‚Kabbalah‘ die JÜDISCHE Überlieferung versteht (und immerhin ist ‚Kabbalah‘ ja ein hebräisches Wort für ‚Überlieferung‘ …). Aber wenn man sich eine Ebene höher begibt und von dort auf Crowleys Umgang mit dem, was ihm halt zur Verfügung stand, betrachtet, kann man ihm dennoch zugestehen, der Kabbalah – trotz einiger Detail-Fehler bezüglich einzelner Begrifflichkeiten und Worte, und trotz einem starken Einengen des tieferen Sinnes der eigentlichen Jüdischen Überlieferung – einen sinnvollen Platz in seinem sozusagen ‚chaos-magischen‘ Systementwurf von/für ‚Thelema‘ gegeben zu haben. Er bedient sich einfach stark aufgeladener Symbole einer alten Tradition, und nutzt sie nur etwas anders, als ‚ursprünglich vorgesehen‘. Das kann im Detail hier und da problematisch sein, wenn man Dinge blind nachbetet (wie das beim ‚Blind-Nachbeten‘ ja eigentlich sowieso immer der Fall ist …) – aber gerade gegen diese Art von Herangehensweise richtet sich ja ohnehin das ganze Werk Crowleys, sodass die auf diesem Wege quasi ‚eingebauten‘ Schwachpunkte auch durchaus als so etwas wie ‚Sollbruchstellen‘ bei unrechtmäßigem Gebrauch verstanden werden können. Nur versuche man bitte nicht, anhand von Crowley die Jüdische Überlieferung gründlich und unverzerrt kennenzulernen …

Crowley als Künstler

Ist Aleister Crowley vor diesem bunt-mosaikhaften Hintergrund seines bewegten Lebenslaufes in aller erster Linie vielleicht doch eher ‚Künstler‘, als ‚Religionsgründer‘?! Besteht doch sogar sein schriftliches Gesamtwerk zu sehr großen Teilen aus Gedichten und Prosa. Dazu kommt das durchaus ‚kunstvolle‘ Gestalten des ‚Bildes‘ seiner öffentlichen Person, das er der Nachwelt hinterlassen hat …

Auch hierbei: Ein jeder entscheide selbst.

Zuletzt noch einmal einige Hauptschriften aufgelistet, die relativ komprimiert, stellenweise auch sehr ‚technisch‘, seine Philosophie und Lehrmethodik umreißen:

Zum A.‘. A.‘. selbst: die ganze Equinox-Reihe, vor allem darin die ‚technischen‘ Bücher, die im Laufe dieser Abhandlung großenteils schon anempfohlen worden sind.

Book of the Law: für die komprimierteste, daher notwendigerweise mythisch-assoziative Zusammenfassung des Gedankens ‚Thelema‘.

Magick in Theory and Practice (= Teil 3 vom ‚Book 4‘): für die Einführung in alle grundlegenden Konzepte von ‚Magick‘.

Magick without Tears: für eine literarische Kommentierung der Philosophie, die sich komprimiert als ‚Thelema‘, und als das Ordens-System des A.‘. A.‘. ausdrückt (und im O.T.O. eine noch einmal sehr viel ‚buntere‘ Ausgestaltung erhält).

The Vision and the Voice: für die poetische Umschreibung des eigentlichen ‚mystischen Weges‘, der gegangen wird.

und auch seine ‚Confessions‘, seine Autobiographie, sei hier dazu gestellt, denn sie enthält noch einmal sehr viele Interpretationen der Werke Crowleys im Rückblick – nüchterne Korrekturen gelegentlich, wo solche der Klarheit mancher getätigter Aussage zuliebe hilfreich erscheinen mögen.

2. Besonderheit des Crowley-Entwurfs eines Einweihungsweges

Nun also noch ein Blick auf das, was an Crowleys Entwurf der ‚Mysterien-Schulung‘ so besonders ist. Und das ist zu Beginn des Weges ganz deutlich ein sehr starker Fokus auf dem, was z. B. in dr alchemistischen Ausdrucksweise die ‚Schwärzung‘ genannt wird: der grundlegende ‚Weg der Läuterung‘, also im Grunde alle Schritte bis hin zur Erlangung der ‚Kenntnis von und Kommunikation mit dem Heiligen Schutzengel‘, welche ja das primäre Ziel des Ordens darstellen.

Insbesondere kommt es auf diesen ersten Stufen zu einer starken Betonung auch der körperlichen (bzw. die Lebenskräfte betreffenden) Aspekte (Stichworte ‚Asana, Pranayama‘). Allgemein wird wetgelegt auf eine besonders gründliche Grundarbeit – man könnte sagen: da, wo man noch viel ’selbst‘ in die Hand nehmen kann. Und zwar deshalb, um dann später, wo die weiteren Dinge sich ‚von selbst‘ ergeben (müssen/werden), möglichst gut vorbereitet zu sein. Exemplarisch für dieses stramme Programm von Grundübungen, siehe etwa den ersten Artikel des Equinox (= ‚Liber Exortitiorum‘, kurz: Liber E).

Der zweite große Fokus des Lehrweges liegt auf einer umfassenden ‚Balance‘, die in jeder erdenklichen Hinsicht angestrebt wird. Aus dem relativ simplen, aber mächtigen Grundgedanken heraus, dass alle, und wirklich ALLE ‚Extremismen‘ aus Einseitigkeit unbedingt vermieden werden sollen. Eine zwar überspitzt wirkende Formulierung dieser Idee, die aber bei Crowley geradezu wortwörtlich gemeint sein dürfte, ist, dass ‚die Hure zölibatär zu leben zu lernen hat‘, und ‚die Prüde soll die erotische Ausschweifung kennenlernen‘ … um so schließlich beide dieser Extreme, in ihrer jeweiligen Individualität gefestigt, zum eigenen Weg zurückkehren zu lassen – sodass das ‚eigene Gegenteil‘ (also für die Prüde die Hure und für die Hure die Prüde) nicht länger verurteilt wird, weil man wahrhaftig gelernt hat, sich ins Gegenüber hineinzuleben – und zwar bis ins scheinbar ‚aller-entfernteste‘ Gegenüber.

Und um das noch in einem etwas hübscheren Zitat Crowleys auszudrücken, jetzt zu guter Letzt, aus der Geschichte ‚Tien Tao, oder die Synagoge des Satans‘: ‚Gib dem Löwen das Herz des Lammes und dem Lamm das Herz des Löwens … dann können Löwe und Lamm in Eintracht beieinander liegen!‘

ein echter ‚Heiratsvermittler‘ ist er also eigentlich, immer einen Weg suchend, die Extreme zu versöhnen, mit extremen Methoden, zur Not auch per Herztransplantation – unser berühmt-berüchtigter Aleister Crowley …

!A!

One Comment
  1. Hat dies auf THELEMA, AGAPE, DER STERN UND DIE SCHLANGE rebloggt und kommentierte:
    Lesenswert

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