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Der ’sehr gute‘ Siebte Tag

2. September 2018

Warum ‚die Welt verbessern wollen‘ ein Sabbatbruch ist

In der Überlieferung wird die sogenannte ‚zweite Schöpfungsgeschichte‘ als Geschehnis des sechsten Schöpfungstages der ‚ersten Schöpfungsgeschichte‘ gesehen. Dies legt ja auch die Tatsache nahe, dass die Menschenerschaffung in der ‚ersten Schöpfungsgeschichte‘ an eben diesem sechsten Tag verortet ist. Dass nun in der ‚zweiten Schöpfungsgeschichte‘ scheinbar sämtliche Naturgegebenheiten ‚erneut‘ geschaffen werden, nur diesmal in umgekehrter Reihenfolge, verglichen mit der ‚ersten‘, erklärt sich dabei daraus, dass all die Dinge und Wesen zunächst nur als eine Art ‚Potential‘ geschaffen werden, als ‚Archetypen‘ (deshalb immer die Formulierung ’nach seiner/ihrer Art‘, so als sei eben zunächst nur die ‚Art‘, die ‚Idee‘ der jeweiligen Kreatur als Potential angelegt worden; übrigens vertritt auch Rudolf Steiner, der Begründer der sogenannten Anthroposophie, eine ähnliche Sichtweise in Bezug auf die zwei scheinbar sich widersprechenden Schöpfungsberichte), dass diese zunächst abstrakten Archetypen nun angesichts des Menschen aber auch konkret in dessen Wirklichkeit hinein treten.

Der Fall des Menschen von Genesis 3, das Geschehen mit der Schlange, findet dann am späteren Nachmittag des sechsten Tages statt, nachdem der Mensch in der zweiten Hälfte (also in der ‚Tag-Hälfte‘) dieses sechsten Tages erst geschaffen wird (bzw. ’sich aufrichtet‘, wie die Überlieferung auch sagt, während er schon von Anfang an bei Gott vorhanden gewesen sei). Die ‚Vertreibung aus dem Paradies‘, ist dann auch die Vertreibung ‚in den siebten Tag hinein‘, und zwar zunächst in die NACHT dieses siebten Tages (da ja die Tage immer mit der Nacht-Hälfte beginnen), in welcher wir uns entsprechend immer noch befinden (schließlich wird nach der Beschreibung des siebten Tages im Unterschied zu den sechs vorangegangenen nicht gesagt ‚und es ward Abend und es ward Morgen, der siebte Tag’…). Angemerkt sei aber, dass andere Berichte der Überlieferung sagen, der siebte Tag war/ist völlig hell erleuchtet und Adam findet sich erstmals in der Nacht NACH dem ersten Sabbath in der Dunkelheit wieder.

Nun legt die Überlieferung Wert darauf, dass Gott die Welt nach seinem Werk am sechsten Tag ansieht und spricht: ’siehe, es ist SEHR GUT‘. Dass der Mensch ‚fällt‘, ist zu diesem Zeitpunkt (Ende des sechsten Tages) aber doch schon passiert! Somit scheint dieser ‚Fall‘, dieses ‚Sterblichwerden‘ der Menschheit durch den Genuss der ‚Frucht vom Baum des Wissens um Gut und Böse‘, schon inbegriffen zu sein in diese Bewertung der Schöpfung als ’sehr gut‘ durch den Schöpfer.

So liest die Überlieferung den Satz ‚es ist sehr gut‘, hebräisch ‚tov me’od‘ (geschrieben teth-waw-beth mem-aleph-daleth), dann auch in einer Art Wortspiel als ‚tov maweth‘ (geschrieben teth-waw-beth mem-waw-thaw): ‚der Tod ist gut‘. Denn der Tod, das Sterblichwerden ermöglicht dem Menschen erst das Erlebnis der GANZEN Thora, die nun ‚folgt‘ (zeitlich, also ‚linear-chronologisch‘ betrachtet)!

Der Psalm 92, der den Sabbath-Tag preist, wird dann auch Adam (also eigentlich der ‚ganzen, heilen, noch unzersplitterten Menschheit‘) zugeschrieben, der damit die ganze Welt des siebten Tages anspricht, deren Qualität er ‚trotz allem‘ als ’sehr gut‘ anerkennt. Als Hauptteil dieses Artikels soll jetzt eben dieser Psalm etwas näher betrachtet werden (weit davon entfernt natürlich irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit in der Deutung zu erheben).

Schauen wir dabei zunächst auf die einleitenden Verse, die bereits sehr vieldeutig sind, wenn man vom hebräischen Original ausgeht. Eine recht gängige Übersetzung wäre:

‚Ein Psalm, ein Lied. Für den Tag des Sabbaths.

Es ist gut, dem Ewigen [= JHWH] zu danken, und zu singen deinem Namen, Höchster!

Am Morgen zu verkünden deine Güte, und deine Treue in den Nächten,

mir obliegt der Zehnsait und mir obliegt die Laute, mir obliegt das Erklingenlassen mit der Harfe. ‚

Nun diese Verse einmal mitsamt einigen ausgewählten Mehrdeutigkeiten in eckigen Klammern ergänzt:

‚Ein Psalm [= ‚von einer Weinrebe her‘], ein Lied [= eine Ordnung]. Für den Tag des Sabbaths [= des Aufhörens].

Es ist gut, dem Ewigen zu danken [ihn zu rühmen, ihn ‚zum Glänzen zu bringen‘], und zu singen deinem Namen, Höchster!

Am Morgen [= im Durchbruch; vermittels eines Durchbruchs] zu verkünden [= bekannt zu machen] deine Güte, und deine Treue in den Nächten [= deine Treue durch das Umschlungen-Sein)],

auf [= mein Joch] Zehnsait [= Reichtum] und auf [= mein Joch] der Laute [= das Verwelken; das Verächtlich-/Verachtet-sein; Narr/Tor], auf [= mein Joch] Vibration [= das Nachsinnen] mit der [= in der] Harfe [= ‚wie eine Lampe‘]. ‚

Es ist also durchaus möglich, auch folgende tiefergehende Übersetzung zu erhalten:

‚Von der Weinrebe her eine Ordnung für den Tag des Aufhörens:

Gut ist es, dem Ewigen (aus Freude) zu danken und ihn dadurch zum Glänzen zu bringen (in der Welt), und zu singen deinem Namen, Höchster!

In einem Durchbruch zu verkündigen deine Güte, und deine Treue durch (ein) Umschlungensein.

Mein Joch ist Reichtum und mein Joch ist das Verwelken, mein Joch ist das Nachsinnen durch dasjenige, was wie eine Lampe ist.‘

Zur ‚Weinrebe‘ ist zu sagen, dass der Weinstock die ‚dritte der sieben Früchte‘ ist (siehe Deuteronomium 8,8), oder abstrakter: sie ist die dritte der sieben ‚prinzipiellen Arten des Wachstums‘. Und jedes dritte zeichnet vor allem der ‚Zwillings-Charakter‘ aus, der sich beim Wein in der Spaltung in ‚Heiligung‘ (‚Kiddusch‘, dadurch dient der Wein als Zeichen, als Symbol, und er kann außerdem ‚fröhlich machen‘, siehe z. B. Psalm 104,15) und ‚Rausch‘ (siehe z. B. bei Noah nach der Sintflut, bei Lot und seinen Töchtern, etc.; … und siehe natürlich auch die Stamm-Klientel an jeder x-beliebigen ‚Trinkhalle‘ …) zeigt. Und die ‚Zweiheit‘, das ‚Duale‘, ist auch ein grundlegendes Verhältnis, das die ‚Welt des Siebten Tages‘, also unsere Welt hier, bestimmt.

‚Dasjenige, was wie eine Lampe ist‘ … hierbei könnte man sich an das Gehirn des Menschen erinnert fühlen, das eben ‚wie eine Lampe‘ erleuchtet, aber dessen Nachsinnen leider auch belastend ist (‚ein Joch‘), den Menschen im Unterschied zu Tieren aus der ‚Einheit mit dem Augenblick‘ herausreißt, ihn in Vergangenheit und Zukunft zerreißt, ihm das Erleben von ‚Sorgen‘ und ‚Ängsten‘ auferlegt wie ein Joch auf den Nacken (neben der Last des Wissens um das ‚Verwelken‘ allen ‚Reichtums‘ …). Das Wort für ‚Gehirn‘ auf Hebräisch (‚Moach‘) bedeutet wortwörtlich in etwa ‚auslöschen, tilgen, ausradieren‘ (‚machah‘), deutet also auf das Ausklammern großer Teile der wahren Wirklichkeit durch das Gehirn hin, um demgegenüber dann den jeweils näher betrachteten Teil besonders präzise ‚analysieren‘, auseinandernehmen zu können. Hierfür muss also das ‚Heil(e)‘, das GANZE aufgegeben, zerstückelt werden; man fühle sich erinnert an den Baum der Erkenntnis (von Gut und Böse), dessen Genuss den Weg zum Baum des LEBENS versperrt (und letzterer enthält doch gerade BEIDES, das Zerstückelte, also das zeitlich-räumliche ‚Werden‘, genauso wie das Heile, das ewige ‚Sein‘ – ist er doch der ‚Baum der Frucht ist UND Frucht macht‘, Genesis 1,11).

Die Überleitung zum Hauptteil des Psalms nun lautet wörtlich in etwa:

‚Weil du mich erfreut hast, Ewiger, durch dein Tun, bin ich über die Werke deiner Hände am jubeln.

Was ist sein Großes? Deine Werke, Ewiger, (sind) kraftvoll, sein Tiefgehendes deine Gedanken!

Ein anzündender [~ ‚ungestümer‘; aber auch übersetzbar als ‚in der Haut (seiender)‘] Mensch weiß es nicht, und ein Fett(geworden)er versteht solches nicht.‘

Das Wort ‚anzündender‘, bzw. ‚ungestümer‘ (‚ba’ar‘), kann also auch als ‚in der Haut‘ oder ‚vermittels der Haut‘ (ba’or) gelesen und übersetzt werden, auch als ‚vermittels des Wachseins‘, ‚vermittels der Bewusstheit‘ (ba’er). Dabei kann man sich demnach daran erinnert fühlen, dass gerade das Ergebnis unseres ‚Sündenfalls‘, infolgedessen wir von Gott ‚bekleidet werden‘ mit der physischen Haut, die im Geistig-Seelischen dann auch unser ‚Wachbewusstsein‘ der äußeren Realität ist. Und ein Mensch, der ‚in dieser Haut‘ ist, kann unmöglich begreifen, was es mit der Größe der Werke und der Tiefe der Gedanken des Ewigen auf sich hat. ‚In der Haut‘-Sein scheint also in eine ähnliche Richtung zu deuten, wie die Formulierungen des Paulus, wo dieser vom ‚im Fleisch sein‘ schreibt.

Und was nun folgt, als der Hauptteil des Liedes, ist sehr bezeichnend: Viel Pflanzen- und Baum-Symbolik, wodurch in einem natürlichen Bild angespielt wird auf die Gegebenheit der ‚Entwicklung in der Zeit‘ von allem Geschaffenen, wie sich diese Entwicklung eben besonders im Wachstum von Pflanzen auch ganz sinnlich ausdrückt:

‚ Wenn die Bösen/Zerstörerischen sprossen wie Kraut, und blühen all(jen)e, die Nichtiges betreiben, so geschieht es (nur darum), damit sie zu Schanden werden, Ewigkeiten der Ewigkeit (lang).

Du aber bist erhaben auf ewig, JHWH!

Denn siehe, deine Feinde, JHWH, denn siehe, deine Feinde werden dahinschwinden; es werden zerstreut werden alle, die Nichtiges tun.

Aber du wirst mein Horn erhöhen gleich dem des Einhorns [hebr. ‚Re’em‘, auch ‚Ur-Stier‘]; mit frischem Öle werde ich übergossen werden [zu der Öl-Symbolik siehe auch den Artikel ‚Salbung und Achter Tag‘].

Und mein Auge wird seine Lust sehen an meinen Feinden, meine Ohren werden ihre Lust hören an den Übeltätern, die wider mich aufstehen.

Der Gerechte wird sprossen wie die Palme, wie eine Zeder auf dem Libanon wird er emporwachsen.

Die gepflanzt sind in dem Hause JHWHs, werden blühen in den Vorhöfen unseres Gottes.

Noch im Grauen (Alter) treiben sie, sind saftvoll und grün,

um zu verkünden, daß JHWH gerecht ist. Er ist mein Fels, und kein Unrecht ist in ihm.‘

Adam besingt also hier insbesondere die Gnade, die gerade darin besteht, dass den Guten wie den Bösen ZEIT gegeben ist, entweder umzukehren, oder sich zu bewähren, und die Freude der Überraschung und letztlich der Wende zum Guten, zum Gerechten zu erleben: das ‚Gericht‘, wo alles ‚gerichtet‘, also ‚Recht gemacht‘, repariert wird [zum ‚Gericht‘ siehe den gleichnamigen Artikel in der Rubrik ‚Grundlage‘], und sich somit dann sogar ‚an den Bösen, Zerstörerischen‘ das Schöne zeigt, indem all dieses ‚Krumme gerade gemacht‘ wird, und dieser Prozess eine ‚Lust für Augen und Ohren‘ des bereits ‚Gerechten‘, ‚Zurecht-Gemachten‘ ist.

Es sei nun also ausdrücklich empfohlen, ‚unsere Welt‘, unsere (aufs Äußerliche gerichtete) Alltagswirklichkeit, als ‚Welt des Siebten Tages‘ zu betrachten. Damit geht dann einher, dass wir einsehen, dass diese Welt hier (oder genauer: die ‚Schöpfung‘) tatsächlich ’sehr gut‘ ist. Und auch geht damit einher, dass wir erkennen, dass alles ‚Weltverbessern'(-Wollen) eigentlich ein ‚Sabbath-Brechen‘ ist: Auch alles Leid, alle Bedrängnis hat ihren tiefen Sinn, ja: selbst der ‚Fall‘ des Menschen hat seinen Sinn (und vor allem auch seine Zwangsläufigkeit, um ‚das Ganze‘ erleben zu können). Aber die Einzelheiten, WARUM, WOZU etwas ist, wie es ist, sind uns nicht immer (oder gar nur recht selten) offenbar in unserer beschränkten Sicht auf unsere Umwelt. ‚Die Verborgenheiten sind des Ewigen unseres Gottes, die offenbaren Dinge aber sind für uns und für unsere Kinder auf ewig.‘ [Deuteronomium 29,29a+b] Das VERTRAUEN, also der ‚Glaube‘, ist es, das uns tröstet und zuversichtlich sein lässt, uns TREU sein lässt, die Welt dennoch zu lieben, wie Gott sie liebt: nicht in ihr verloren zu gehen in diesem oder jenem Rausch, sondern in ihr aufzugehen, wie wir dann im irdischen Tod auch körperlich in ihr aufgehen, wieder ganz Eins mit ihr werden, uns in den wunderbaren Kreislauf einfügen, uns hingeben, und wir endlich loslassen können all die Fesseln der Abgrenzung, und so diese (Selbst-)Einmauerung beenden, um alles nun von der nächsthöheren ‚Spiralrunde‘ aus, viel leichter, ER-leichtert, erleben zu dürfen.

In der Überlieferung wird mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass bei den zwei Tafeln der ’10 Worte‘ (im Christlichen meist besser bekannt als ’10 Gebote‘, obwohl von ‚Geboten‘ dort eigentlich keine Rede ist, sondern schlichtweg die ‚ewige Struktur des [wahren] Menschen‘ in 10 Worten, beschreibend ’10 Sachverhalte‘ oder ’10 wenn-dann-Beziehungen‘, gegeben wird), je fünf Worte auf einer Tafel stehen. Und die zweiten Fünf stehen den ersten Fünf dabei als ‚Widerspiegelungen des Göttlichen im (Zwischen-)Menschlichen‘ gegenüber (siehe z. B. Pesikta Rabbati, Pesikta 21): die einleitende Feststellung (oft als ‚Präambel‘ betrachtet, aber eigentlich bereits selbst das erste Gebot) ‚Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Mitzrajim herausgeführt hat, aus dem Hause der Knechtschaft‘ entspricht dem ’nicht töten‘ (denn wo diese entscheidende Verbindung zum Ewigen zerreißt, herrscht geistiger Tod; und zudem wird dieses erste Gebot als Hinweis auf die ‚Gottesebenbildlichkeit‘ des Menschen gesehen, welche eng mit dem ‚Blut‘ [im Hebräischen von der selben Wortwurzel gebildet wie das Wort für ‚gleichen; Gleichnis‘] assoziiert ist – das ‚Vergießen von Blut‘ ist also eine offene Geringschätzung und Verachtung der Gottesebenbildlichkeit eines Mitmenschen); dass ‚keine anderen Götter für dich über SEINEM Angesicht sind‘ und du ‚keine Schnitz- und Gussbilder (von ihnen) machst und ihnen dienst‘ entspricht dem ’nicht ehebrechen‘ (denn alles ‚Erstarrte‘, vermeintlich ‚klar Erfasste‘ in dieser Welt tritt als ‚Nebenbuhler‘ des wahren, lebendigen Gottes auf, der an sich NIEMALS ganz fassbar ist; überhaupt ist jede Art von ‚Dienst an fremden Göttern‘ als ‚Ehebruch‘ zu betrachten, indem der Bund vom Sinai dadurch verletzt wird); ‚den Namen nicht zu missbrauchen‘ entspricht dem ’nicht stehlen‘; den ‚Sabbath zu bewahren und heiligen‘ entspricht dem ’nicht falsch Zeugnis geben‘ und das ‚den Vater und die Mutter ehren‘ entspricht dem ’nicht begehren von Gut deines Nächsten‘ (und damit dem Annehmen und Wertschätzen der Vergangenheit, die genau zu DIESEM ‚Jetzt‘ mit all seinen Lebensumständen – von einem selbst, wie von anderen – geführt hat).

Das Sabbath-Halten entspricht also dem ‚Zeugnis geben‘; und umgekehrt ist das ‚Brechen des Sabbaths‘ ein ‚Falsch-Zeugnis-Geben‘, weil man dadurch suggeriert, die Welt, die Gott (‚in den sechs Tagen‘) geschaffen hat, sei (jetzt, ‚am siebenten Tag‘) NICHT sehr gut.

Was nun hat unser Messias am Sabbat getan? Genauer: Wie hat Er durch seinen Wandel Zeugnis abgelegt, dass ‚die Welt sehr gut ist‘ – trotz all dessen um Ihn herum, was wir als Menschen wohl eher als NICHT ’sehr gut‘ wahrnehmen?

Er hat sich jedenfalls, dem biblischen Gebot gemäß, mit anderen Dienern des Ewigen gemeinsam versammelt (siehe etwa Lukas 4,15f), er hat in den Heiligen Schriften gelesen, hat aus den Heiligen Schriften vorgelesen, bzw. er hat ‚gelehrt‘ (Lukas 4,16; 13,10) – er hat allerdings auch geheilt, wo sich ein Mensch nicht im Zustand der Vollkommenheit befand, hat ‚gerade gemacht, wo etwas krumm war‘ (siehe speziell zu diesem Bild die Heilung der gekrümmten, ‚buckligen‘ Frau in Lukas 13,11-13). Auf diesen letzten Punkt und den scheinbar darin enthaltenen Widerspruch zum ‚Anerkennen der Vollkommenheit des Siebten Tages‘ werden wir noch zurückkommen.

Nun wollen wir diese Gepflogenheiten unseres Königs ein wenig betrachten.

Das ‚Lesen aus der Heiligen Schrift‘ könnte man zum Beispiel auch in folgendem Sinne verstehen: auch die Natur, die Schöpfung Gottes, ist ‚Heilige Schrift‘, in der wir lesen dürfen, zu deren Entzifferung wir geradezu aufgerufen sind (siehe etwa Matthäus 6,26ff: ‚Seht an die Vögel!‘ usw.)! Nicht im Sinne steriler ‚Natur-Wissenschaft‘, sondern in Liebe und Staunen über die Wunderkräfte Gottes, wie sie in die Schöpfung gelegt sind, mal am schlummern, mal am offen hervorbrechen (‚Die Himmel erzählen von der Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet das Werk seiner Hände‘, Psalm 19,2). Die ’sehr gute‘ Qualität unserer Siebenten-Tags-Welt können wir also unter anderem so betonen, dass wir über die Schönheit dieser Welt staunen, wo uns das möglich erscheint. Das muss nicht immer nur das ‚allgemein-anerkannt Schöne‘ sein, es kann durchaus auch das Grandiose, Faszinierende im Schrecklichen, im Grausamen gar, und dann besonders in der Bewältigung, Umwandlung, ‚Sublimierung‘ von solcherlei Bösem sein, das wir in seiner Existenz anerkennen und dessen geheimen Sinn wir in Ehrfurcht zu begreifen suchen. Im persischen Raum soll beispielsweise eine Geschichte über Jesus kursieren, wo dieser mit seinen Jüngern einen Hunde-Kadaver am Wegesrand sieht. Und während sich seine Begleiter angewidert abwenden, geht Jesus ganz nah an den Leichnam heran und zeigt voll Staunen auf die Zähne und den Kiefer des toten Tieres, die da in diesem Zustand so besonders deutlich zu sehen sind, weist seine Freunde auf die vollkommene Harmonie dieses Hundegebisses hin, und preist Gott für die Erhabenheit seiner ganzen Schöpfung!

Das ‚Lehren‘, das unser Messias am Sabbat pflegte, könnte vielleicht überhaupt im weiteren Sinne als ein ständiges ‚Vorbild-Sein‘ verstanden werden (‚Vorbild‘, wie es eben auch die ganze Natur in ihren wundersamen, lebendigen Symboliken ist), also weniger als ein besserwisserisches BE-Lehren und AUS-Bilden, wie es etwa ein moderner ‚Pädagoge‘ im Schulunterricht betreibt … Und alles wahre ‚Lehren‘ ist natürlich immer im Wesentlichen ein ‚Lesen aus der Heiligen Schrift‘, und wenn auch als ein ‚Auslegen‘ derselben. Das will nun nicht sagen, dass Christus nicht auch zu gegebenem Anlass ‚gelehrt‘ hat, wie es sich traditionell vorgestellt wird: als weiser Erklärer von Schriftstellen, als Gleichnisse erzählender Beispielgeber für rechtes Handeln und als Verdeutlicher von ewigen Verhältnissen – und nicht zuletzt als Kritiker von fragwürdigen Praktiken insbesondere der vermeintlichen religiösen Eliten. Doch soll hier einmal der Gedanke angestoßen werden, das ‚Lehren‘ des Messias in einem viel umfassenderen Sinn zu verstehen, der sich eben keineswegs in diesem ‚äußerlichen‘ Auftreten als ‚Lehrer‘ erschöpft, sondern der vielmehr in seinem lebendigen, heiligen Wandel selbst besteht, der schon allein durch seine unaussprechliche Ausstrahlung die Menschen um ihn herum verändert, ihnen seine ‚Vollmacht‘ bezeugt.

Das Heilen Jesu am Sabbat bewirkt nun schon in den Evangeliumsberichten erheblichen Widerstand bei den althergebrachten Autoritäten der Menschen. Das können wir vor dem Hintergrund der in diesem Artikel vertretenen Auffassung vom ‚Sabbat-Halten‘ als einem ‚Vollkommenheit-Bezeugen‘ nun daraus erklären, dass ein ‚Heilen‘ ja ein ‚Heil-Machen, Ganz-Machen‘, ein ‚Richten/Berichtigen‘ ist – es also doch scheinbar ausdrücklich dem Prinzip des Sabbats entgegenstrebt, der ja gerade bezeugen will, dass die Schöpfung SCHON in ihrem derzeitigen Zustand ’sehr gut‘ ist.

Wie löst sich also dieser scheinbare Widerspruch auf zwischen einem ’nichts verbessern wollen‘ und einem dennoch ‚Ganz-Machen‘? Jesus erklärt in anderem Zusammenhang (beim ‚Ährenraufen‘, Matthäus 12,8; Markus 2,28; Lukas 6,5): ‚Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat (wörtlich, vom Hebräischen her übersetzt, auch: ‚über das Aufhören‘)‘, und dass ‚der Sabbat um des Menschen willen geschaffen‘ ist und nicht umgekehrt (Markus 2,27).

Und nur MENSCHEN (und zwar speziell ‚Kinder Abrahams‘, also die Kinder dessen, der ‚glaubt, und dessen Glaube ihm zur Gerechtigkeit angerechnet wird‘) werden geheilt, ‚zurecht gemacht‘ am Sabbat, nicht aber die ganze Welt und einzelne Details in ihr! So ist es genau diejenige Gnade, die auch dazu führt, dass uns als ‚Gläubigen‘ bereits hier in der ‚Welt der Zeitlichkeit‘ zuteil wird, dass wir durch den ‚Heiligen Geist‘, also dasjenige, womit der Gesalbte gesalbt ist, ‚gerichtet werden‘ – um nicht zuletzt nur im ‚Jüngsten Gericht‘ der Reinigung durch das Feuer ausgeliefert zu sein, wie es der gefallenen Welt als Ganzes zugedacht ist (siehe hierzu auch wiederum den Artikel zum ‚Gericht‘ im ersten Teil).

Der Christus gibt auch ein Beispiel aus der Schrift, um die Aussage zu untermauern, der Sabbat sei um des Menschen willen geschaffen: Die Priester des Levitischen Ritus ‚entweihen‘ schließlich scheinbar den Sabbat, wenn sie an ihm ihren regulären Dienst tun, der doch immerhin einige eigentlich ‚verbotene‘ Tätigkeiten einschließt. Aber sie bleiben dennoch schuldlos, ja, erst durch das Tun ihres Dienstes erfüllen sie überhaupt, was ihnen obliegt; würden sie ihn dagegen NICHT tun, lüden sie Schuld auf sich. Und so ist ‚Priesterdienst‘ ganz allgemein (nicht nur im ‚Levitischen Ritus‘) nicht am Sabbat zu unterlassen, im Gegenteil. Das Vermitteln zwischen Gott und den Menschen findet auch am Sabbat statt, ist sogar wichtiger Bestandteil dieses ‚Siebten Tages unserer Welt‘.

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