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SCHRIFT und WORT

3. Dezember 2018

‚Schriftliche Thora‘ und ‚Mündliche Thora‘

Seit jeher besteht eine jegliche ‚Heilige Schrift‘ aus einerseits der Schrift selbst, dem Aufgeschriebenen … und andrerseits dem AUSSPRECHEN dieses Niedergeschriebenen, dem Vorlesen, Vorsingen, Rezitieren und wie auch immer geartetem Verkünden – bis hin zu den mannigfaltigen ‚Auslegungen‘ jeder Schrift, den Anwendungen all des ewig in der jeweiligen Schrift Festgelegten auf die konkrete Alltagswelt, auf das Leben der Menschen, der ‚Gläubigen‘.

In der Hebräischen Tradition der Bibel, deren ‚leibhaftige‘, lebendige Verwirklichung sich im ‚Messias‘ als einer konkreten Person offenbart, gibt es folgerichtig grundsätzlich ZWEI Seiten der ‚Thora‘, der Offenbarung des Willen Gottes: Die ‚Schriftliche Thora‘ und die ‚Mündliche Thora‘. Und beide bilden eine untrennbare, eine heilige Einheit, sind die zwei Seiten der selben Sache, des selben Wunders.

Da diese Zweiheit von Schriftlichem und Mündlichem sehr grundlegend für die ganze Überlieferung der ‚Juden‘, bzw. der ‚Jehudim‘ (also wörtlich etwa der ‚Lobpreisenden‘, derer, die ‚Gott aus Freude danken‘) ist, soll in diesem kurzen Artikel das Wichtigste umrissen werden.

Die ‚Schriftliche Thora‘, hebräisch ‚Thorah sche-be-Kh’thav‘ (wörtlich etwa: ‚Weisung, welche im Aufgeschriebenen (ist)‘), gilt als grundsätzlich unveränderlich, sie ist im Prinzip NUR im (größtenteils Hebräischen, an wenigen Stellen Aramäischen) Originaltext ‚gültig‘, d.h. Übersetzungen sind grundsätzlich nur Interpretationen (und damit gewissermaßen schon Teil der ‚Mündlichen Thora‘ – insbesondere gilt dies für alles auf den sogenannten ‚Massoreten‘ basierende [und damit für quasi JEDE moderne Übersetzung], deren Name bereits das ‚Überliefern/Verraten‘ in sich trägt, denn Hebräisch ‚massar‘ = ‚überliefern, tradieren; verraten‘).

Im Speziellen ist mit ‚Schriftliche Thora‘ gemeint: die ‚5 Bücher Mose‘; im weiteren Sinn ist gemeint: die ganze Hebräisch(-Aramäisch)e Bibel (der sogenannte ‚ThaNaKh‘, der Komplex aus kanonisierten Schriften der Einteilung ‚Thorah‘, ‚Nevi’im‘ und ‚Khethuvim‘, d.h. ‚Weisung; Lehre‘, ‚Propheten‘ und ‚[andere] Schriften‘).

Die Schriftliche Thora ist bis in die vermeintlichen ‚Schreibfehler‘ hinein exakt und genau SO, wie sie heute überliefert ist, endgültig fixiert – selbst einzelne Buchstaben, die größer oder kleiner geschrieben sind (z. B. der allererste Buchstabe der Bibel, das Beth vom Wort ‚Bereschith‘, ‚Im Anfang‘, ist deutlich größer als normal geschrieben; oder das Quph im Wort ‚Wayiqra‘ zu Beginn des dritten Buchs Mose, ‚Und er rief‘, ist auffallend klein geschrieben), oder die ‚falsch herum‘ erscheinen (siehe etwa die scheinbar nicht bedeutungstragenden Nun’s, die ‚falsch herum‘ stehend die beiden in der Tradition besonders hervorgehobenen Verse Numeri 10,35-36 einrahmen), haben diese jeweilige Form als unabänderliche Tatsache.

Wichtig zu betonen ist hierbei nun ein weiteres Mal: Die Thora, die ‚Weisung Gottes‘, enthält keine ‚Gesetze‘ oder ‚Anweisungen‘ im modernen Sinne, sondern sie besteht dem Verständnis der Überlieferung nach genaugenommen aus schlichten Zustandsbeschreibungen – allerdings das ‚Ewige‘ betreffend, und damit NICHT ohne weiteres auf ‚unsere‘ Welt von Zeit und Raum zu übertragen (dies wäre ein Entweihen des Heiligen). Und genau für diese ‚Übertragung‘ in unsere Alltagswelt existiert die ‚Mündliche Thora‘ mit ihren mannigfaltigen Abstufungen.

Die ‚Mündliche Thora‘, hebräisch ‚Thorah sche-be-‚al-Peh‘ (wörtlich etwa ‚Weisung, welche (dar)in (besteht), (dass sie) auf dem Mund (basiert)‘), gilt gegenüber der streng fixierten ‚Schriftlichen‘ als ‚fließend‘, als grundsätzlich NICHT tatsächlich zu fixieren (wenn sie auch heute freilich in vielen Bereichen fixiert ist, als ‚historische Momentaufnahmen‘). Diese Mündliche Thora muss immer wieder neu auf die jeweilige Zeit hin und auf die Lebenswirklichkeit der heute lebenden Menschen bezogen werden. Die Ausdrucksweisen im Text dieser Mündlichen Thora folgen zwar auch wieder ‚ewigen Mustern‘ (nämlich denselben Begriffen und sprachlichen Bildern, die schon aus der Schriftlichen Thora bekannt sind, sowie darüber hinaus solchen, die aus der natürlichen Schöpfung um uns herum hergeleitet sind) – jedoch können diese Dinge nicht für alle Zeiten die selbe Form im Äußeren bewahren, weil sich menschliches Zusammenleben, menschliche Kommunikation usw. ständig entwickelt, und die Mündliche im Gegensatz zur Schriftlichen Thora eben näher am ‚Alltag‘ zu sein hat.

Kern der Mündlichen Thora ist die sogenannte ‚Mischnah‘ (= ‚Wiederholung/Lehre/Lernen (der Weisung)‘). Um diesen Kern legt sich die nächste Schicht, die ‚Gemara‘ (‚Vollendung‘), und zusammen sind diese beiden Hauptkomponenten der Grundkorpus des sogenannten ‚Talmud‘ (= ‚Lernen; Studium‘). Dieser Talmud liegt in leicht unterschiedlichen Versionen vor (speziell ‚Babylonischer‘ und ‚Jerusalemer‘, wobei ersterer der weitaus bekanntere und umfangreichere ist) und ist traditionell regelmäßig mit den durchgängigen, ‚fortlaufenden‘ Kommentaren von ‚Raschi‘ (Akronym für ‚Rabbi Schlomoh Jitzchaki‘, lebte in Mitteleuropa des sogenannten ‚Spätmittelalters‘) und von dessen Schülern (die ‚Tosafoth‘, ‚Zusätze, Ergänzungen‘; nicht fortlaufend, nur stellenweise) versehen.

Darüber hinaus gibt es viele, viele weitere Kommentare, die sogenannten ‚Posskim‘ (wörtlich einfach ‚Verse‘, aber sinngemäß ‚Erklärer; erklärende Verse‘), die direkt von diesem Talmud ausgehen.

Gewichtig sind auch die ebenso vielen, vielen ‚Midraschim‘ jenseits des ‚Haupt‘-Talmud-Komplexes, etwa in sogenannten ‚Baraita‘- und ‚Tosefta‘-Sammlungen; diese Midraschim, wörtlich etwa ‚Studien, Auslegungen‘, ‚Erforschungen‘, sind ganz allgemein Texte, in denen Themen der Schriftlichen Thorah von verschiedenen Seiten beleuchtet werden, mal eher theoretisch, mal in erläuternden Erzählungen (genannt ‚halakhisch‘ und ‚aggadisch‘). Der Übergang ist gelegentlich recht fließend. Überhaupt sind ‚Midraschim‘ häufig aus Zusammenstellungen von Talmud-Abschnitten entstanden, die alle einen bestimmten Teil der Bibel betreffen, im Talmud selbst jedoch nach ganz anderen Ordnungskriterien verteilt, quasi ‚zerstreut‘ sind.

Aus all den ‚halakhischen‘ Midraschim und insbesondere aus den halakhischen Talmud-Abschnitten hat sich (historisch betrachtet, aber dem geistigen Prinzip nach natürlich immer schon im Kern angelegt) in der Folge besagten Raschis etwas herausgebildet, was heute, nach einem der wichtigsten Werke dieser Gattung, als ‚Schulchan ‚Arukh‘ (‚Gedeckter Tisch‘) bezeichnet wird, und eine Art Zusammenfassung aller Empfehlungen für den Alltagswandel, einen ‚Verhaltenskodex‘ der ‚Kinder Israels‘ bietet, bzw. speziell für den Alltagswandel des ‚Südreiches‘, des ‚Hauses Judah‘, also der ‚Jehudim‘ (wie schon angemerkt oben: dieses Wort bedeutet eigentlich wörtlich in etwa ‚(aus Freude) Gott-Lobpreisende, -Dankende‘; gemeinhin als ‚Juden‘ übersetzt und damit zu einer Art Ethnie/Religionsgruppe profanisiert …).

Dieser ‚empfohlene Alltagswandel‘ nennt sich dann auch ‚die Halakhah‘ (bzw. in aschkenazisch-jiddischem Dialekt ‚Haloche/Haluche‘), was einfach ‚Wandel; Gehen (des Weges)‘ bedeutet.

Das erste große Werk diesbezüglich ist die ‚Mischneh Thorah‘ von Maimonides, dem sogenannten ‚RaMBaM‘ (oft wird auch das ganze besagte Werk einfach als ‚Rambam‘ bezeichnet). Darauf folgen insbesondere die Arba’a Turim von Jakob ben Ascher, und dann endlich der erste ‚Schulchan Arukh‘ von Josef Karo (der zunächst mit seinem ersten Hauptwerk namens Bejt Jossef einen sehr ausführlichen Kommentar zu den Arba’a Turim geschrieben hatte). Eine heute (insbesondere für Aschkenazim) wichtige ‚Zusammenfassung‘ dieses ursprünglichen ‚Schulchan Arukh‘ ist der ‚Kitzur Schulchan Arukh‘ aus dem Jahre 1870 von Schlomoh Ganzfried.

Neben der Halakhah, als eine der zwei Hauptsäulen der Jüdischen Überlieferung, also der ‚Mündlichen Thora‘, gibt es dann noch, wie bereits oben erwähnt, die sogenannte Sparte der ‚Aggadah‘, das ist die ‚homiletische‘ Seite des Ganzen, also die erzählenden, illustrierenden Geschichten; einerseits von ‚Alternativ-Erzählungen‘, bzw. Ergänzungen zu biblischen Narrativen, andererseits Legenden über wichtige Persönlichkeiten der Mischnah- und Gemara-Zeit (die sogenannten ‚Tannaim/Tannaiten/Tannäer‘ und ‚Amoräer‘). Hier ist eine wichtige Sammlung solcher erzählerischen Abschnitte aus dem Talmud zum Beispiel der ‚Ayin Jaakov‘ (das ‚Auge Jakobs‘ oder die ‚Quelle Jakobs‘), und die größte Sammlung von Aggadah-Texten jenseits des Talmuds ist der sogenannte ‚Midrasch Rabbah‘ (oft in gedruckten Ausgaben noch einmal in kleinere Teile untergliedert, die den Büchern der Bibel zugeordnet sind).

Der Begriff ‚Kabbalah‘ oder ‚Qabbalah‘ zuletzt bedeutet eigentlich einfach ‚Überlieferung‘, wird jedoch meist speziell auf eher ‚mystische‘ Schriften und Traditionen bezogen. Die Wurzel ‚Qof-Beth-Lamed‘ vom Wort Kabballah trägt gleichermaßen die Bedeutung von ‚überliefern, übergeben‘, als auch von ‚empfangen‘.

Alle echte ‚mystische‘ Kabbalah (im historischen Sinne) basiert immer auf den zuvorgenannten Bereichen der Mündlichen Thorah, insbesondere auf dem Talmud. Selbsternannte kabbalistische ‚Lehren‘, die nicht von der Jüdischen Überlieferung ausgehen, sind damit im Grunde schon ein lächerlicher Selbstwiderspruch und daher mit Vorsicht, bzw. Skepsis zu betrachten (auch, wenn sie auf anderer Ebene durchaus ihren Wert haben können; nur eben nicht als tatsächliche ‚Kabbalah‘ im historisch-jüdischen Sinn).

Einige ganz fundamentale Standpunkte der Überlieferung im Bezug auf das Deuten von biblischen Texten sollten nun einmal kurz hervorgehoben werden: NIEMALS darf in der Praxis ein ‚ausrotten‘, eine ‚Tierschlachtung‘, eine ‚Todesstrafe‘ etc., die in der Thora genannt wird, HIER im Zeiträumlichen vollzogen werden! All dies ist SOWIESO ‚da‘ im Ewigen, im Heiligen, als feststehende Wenn-Dann-Beziehung zwischen einer ‚Verfehlung‘ oder ähnlichem, und der entsprechenden ‚Strafe‘, bzw. Konsequenz (die dann aus unserem Unbewussten heraus als eine Art ‚Stimmung‘ auch bis in unser Bewusstsein und Empfinden hindurchbricht). Und dennoch kann alles ein Leben lang immer noch ‚gesühnt werden‘, indem der Ewige ‚gnädig‘, ‚barmherzig‘ ist, sich ‚dessen erbarmt, dessen er sich erbarmt‘, außerhalb jeder für uns fassbaren Gesetzmäßigkeit.

Und ganz wichtig: Jenseits der schriftlich fixierten ‚Bibel‘ und der historisch gewachsenen ‚Jüdischen Überlieferung‘ kann nun all das bis hierher Gesagte ebenfalls gesehen werden: Im weiteren Sinne ist nämlich ‚die Schrift‘ all das, was sich uns durch die harte Realität der äußeren Welt als die Schöpfung offenbart, und das für uns so als die ‚große Heilige Schrift der ganzen Natur‘ zu entziffern ist – die ‚in die Schöpfung hineingegrabenen Spuren des Ewigen‘ sozusagen. Und ‚das Wort‘, also die zu dieser ‚Schrift‘ dazugehörige ‚Mündliche Überlieferung‘, ist all das, was ganz individuell zu uns je nach Situation unseres Lebensvollzuges ’spricht‘: als unser Wahrnehmen und Einordnen, als unser ‚Ausdeuten‘, Interpretieren der ‚Heiligen Schrift der Natur‘, wie diese sich als Rahmen unseres persönlichen Alltags und Lebens(ver)laufes zeigt.

Nur mit einem solchen Verständnis von ‚Heiliger Schrift‘ werde ich stets die gebotene Toleranz leben können, die nötig ist, um in dieser Welt, die von unserem geliebten Vater im Himmel in solch unerschöpflicher Vielfalt und Buntheit gestaltet ist, Liebe und Mitgefühl für ALLE Menschen mit ihren auch (scheinbar) noch so weit auseinander gehenden Überzeugungen und Traditionen zu empfinden.

Gelobt sei der Ewige!

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