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Chassidische Geschichtchen, #1

31. Oktober 2019

Chunen, ein etwas kleingläubiger Zögling des Heiligen Baalschemtoiv von Nazareth (Friede über Ihn) und spätberufener Schüler des letzten Zürcher Maggids Frojm Fischl Schieje (sein Andenken zum Segen) ist einmal auf dem Weg zu seinem Dienstherrn, bei dem er in den heutigen Abendstunden auszuhelfen hat, und er ist schon ein wenig knapp dran.

Da spricht ihn ein junger Obdachloser an – grüßt ihn, als kenne er ihn gut .. und auf die Frage, ob er sich nicht an ihn erinnere, will Chunen zumindest nicht völlig ausschließen, dass man sich schon einmal getroffen haben könnte. Chunens Augen sind recht schwach, und den Lehren seines Maggids folgend, vermeidet er üblicherweise den direkten Blick ins Angesicht, wenn er mit Menschen verkehrt  (‚das Gesicht eines Menschen hier auf Erden ist doch nur, was der Teufel – das ist die ZEIT – aus ihm gemacht hat …‘). Also wer wäre er nun, diesen freundlichen Kerl einfach als Fremden zu verwerfen! Nach seinem Namen gefragt, stellt sich dieser als Florian vor.

Ohne lange drumrum zu reden, kommt Florian bald auf sein Schicksal zu sprechen, das gerade in diesen Tagen kein Leichtes sei. Der Herbst hat plötzlich eingeschlagen, seit 8 Tagen habe er keine Unterkunft mehr und zu allem Überfluss sei sein Vater gerade gestern in die wahre Welt eingegangen. Was ihm sein Elend heute aber zumindest erträglich machen könnte, wäre eine milde Gabe seines ‚alten Bekannten‘, den er behauptet in Chunen zu erkennen.

Der Gebetene würde ja auch gerne ein paar Münzen geben, nur hat er in diesem Moment nicht mehr als wenige Pfennige einstecken. Er drückt sein Bedauern aus, und kann dem Bittsteller nur anbieten, ihn ein Stück auf seinem Weg zu begleiten – er würde auf dem Weg zur Arbeit noch an einem Ort vorbeikommen, wo er etwas Geld gelagert hat, und dort könne er ihm gerne ein kleines Almosen geben. Chunen denkt da in etwa an den Gegenwert einer einfachen, aber hochwertigen Mahlzeit – oder auch einer preiswerten Flasche Branntwein, wenn das den Vorstellungen seines Gegenübers eher entspricht – Chunen würde sicher nicht näher nachfragen …

Der bettelnde Florian aber scheint seeehr optimistisch zu sein und fragt frech, ob er, wenn er das Stück mitkomme, eine ungefähr viermal so hohe Summe erwarten dürfe, als die bereits recht großzügige, die Chunen im Sinn hatte – eine Summe also, die nun wirklich alles andere als üblich ist zu erhalten in vergleichbarer Situation – geschweige denn, sie ausdrücklich zu erbitten. Chunen tadelt ihn vorsichtig für seine allzu hohen Erwartungen, er möge sein Glück doch bitte nicht überstrapazieren … er könne ihm ausnahmsweise die Hälfte der besagten immensen Forderung versprechen, mehr aber nun wirklich nicht.

Nun folgt ein zäher Dialog, bei dem der Bettler immer und immer wieder nach besagter hoher Summe fragt, immer und immer wieder erklärt, warum er genau diese Summe brauche, um heute und für die Folgewochen ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Und wenn Chunen ihm rät, dass er stattdessen doch erstmal froh über die jetzt heute anstehende Nacht sein möge, für die er genug bekommen könne, wenn er ihn jetzt das Stück begleitet – das will Florian nicht wirklich hören.

Aber er kommt ersteinmal mit auf den Weg. Immer und immer wieder erklärt er dabei, dass es doch wirklich viel besser wäre, wenn er besagte hohe Summe bekäme – so nett die Hälfte davon ja schon wäre, er würde die andere Hälfte eben unbedingt brauchen und sie bestimmt zu dieser schon späten Stunde nirgendwo anders mehr erbetteln können. Aber die ganze Strecke über bleibt Chunen dabei: Er wird ihm nur die Hälfte geben, und wünsche ihm viel Glück, dass er auf anderm Wege noch den erhofften Rest finden möge zu seiner Zeit.

Am Ziel angekommen holt Chunen das Geld. Und hat sich inzwischen entschieden, dem jungen Mann doch die erbetene hohe Summe zu geben. Als er sie ihm aushändigt, ist dieser natürlich höchst erfreut, umarmt ihn und dankt ihm überschwänglich – Chunen versucht den Dank abzuwehren und stattdessen selbst dem Bettler für dessen Beharrlichkeit zu danken:

‚Du hast immer weiter gehofft und gefleht, obwohl ich dir mehrfach ganz klar gesagt habe, du wirst von mir nicht bekommen, was du willst – und doch hast du weiter gehofft und gebittet bis zum Ende. Und jetzt musst du nur noch lernen, in derselben Weise GOTT um die WAHRE Hilfe zu bitten, ohne je locker zu lassen!‘

Als Chunen später alleine ist, erkennt er, dass ER SELBST es ist, der lernen müsse, Gott in derselben unnachgiebigen Art, in demselben Vertrauen wie Florian – und mit derselben Frechheit sogar! – zu bitten. Da lacht er herzlich und dankt dem Himmel für Florians Aufdringlichkeit.

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